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     Michael Murach

Michael Murach - Foto: Boxring


Zeitschrift BOXRING

Alte Boxgeschichten immer interessant - und wissenswert
aus: Boxring Nr. 10 vom 15. Mai 1956

Der lachende Michel - endete im Massengrab

Als Michael Murach (FC Schalke 04) sich zur Reise nach Mailand rüstete, um sich mit seinen sieben anderen Staffelkameraden zu treffen, mit denen er sich um die acht Europatitel bewarb, fragte ihn schnell noch ein Reporter nach seinen Planen. Der stets zum "Flax" aufgelegte Michel blitzte ihn mit seinen schwarzen Augen, in denen meist der Schelm zu erkennen war, an und antwortet: "Da ich seit 1001 Jahr boxe, könnte ich, falls ich den Europatitel nach Gelsenkirchen gebracht habe, wohl Schluß machen." Dem jungen Zeitungsvolontär beschlich das unsichere Gefühl - na sagen wir -, daß Michel ihn nicht ernst nahm. Außerdem paßte solche Meinung eines so berühmten Sportsmanns nicht ein Deut in seine geplante Reportage. So hub er dann an: "Aber, Herr Murach, soviel ich weiß, sind Sie erst 25 Jahre alt, haben sich im vorigen Jahr die silberne Olympiamedaille erobert, sind Deutschlands bester Weltergewichtler und werden sogar als Favorit Ihrer Klasse in Mailand bezeichnet. Da kann ich es mir einfach nicht vorstellen, daß Sie nicht mehr unter den Tiefstrahlern in der seilumspannten Arena erscheinen wollen!" - "Na ja, ich habe 286 Kämpfe auf dem Buckel und wollte mit

300 eigentlich dem Ring Valet sagen.
Auf der anderen Seite aber wurmt es mich, daß ich nicht die goldene Medaille geholt habe. Deshalb wäre es mein Wunsch, Deutschland noch einmal bei den Olympischen Spielen zu vertreten. Vielleicht schaffe ich es dieses Mal?" - Nun hatte der Reporter seinen Stoff. Er wünschte Michel "Hals- und Beinbruch", eilte davon, um bald darauf aus dickleibigen Sammelbänden den "Rest" für seine schwungvolle Reportage zusammenzuklauben.

An den Finnländer Sten Suvio hatte Murach die "Goldene" abtreten müssen. Der Kampfverlauf war so: In der ersten Runde trieb Murach den Finnen vor sich her, der aber, famos auf den "Verkehrten" (Rechtsausleger) Murach eingestellt, sehr geschickt zurückwich und nur auf Konterchance für seine Rechte wartete. Nebenbei bemerkt, Suvio hatte einen Deutschen bei sich in der Ecke, den Hamburger Max Mathäus, der von Finnland als Olympiatrainer für seine Boxer eingestellt war. Der Gelsenkirchner stach seine Rechte vorfühlend auf die unteren Partien, um links schwer zu treffen. Allein, der Schützling des Hamburgers ist ausgezeichnet auf dem Posten. Mitte der Runde verlegte Michel sich mehr auf den Nahkampf und landete einige Serien auf den Körper des Finnen. Gegen Rundenschluß hatte der Deutsche nochmals im Nahkampf Erfolg, so daß diese Runde an ihn ging. Sehr ruhig und nicht im entferntesten angestrengt, kam Suvio jedoch in seine Ecke zurück. In der folgenden Runde steigerte der Deutsche das Anfangstempo, nahm aber zur Rundenmitte einen harten Kinntreffer, der ihn zurückwarf. Dadurch wurde der Gelsenkirchner vom "heiligen Zorn" erfaßt, wurde ungestümer und leider auch ungenauer. Dagegen blieb der Kampfpartner kalt und kam dadurch noch mehr in Vorteil, so daß ihm die Hilfspunkte gutgeschrieben wurden. In der Schlußrunde war Michel dann fast ausschließlich auf dem Rückzug und nahm dabei mehr als er geben konnte. Überraschungssieger nach verdienter Leistung und Gewinner wurde also, wie bereits erwähnt, Sten Suvio! Daraufhin sagte ein Fachkundiger:
"Der Westfale Murach hat mit jedem Tag einen stärkeren Gegner erhalten, aber es gelang ihm, seine Form mit den Aufgaben zu steigern. Der talentierte Tritz (Frankreich) mußte dran glauben, und Hens Dekkers, der übrigens mit seinem Bruder Tin Hollands Interessen im Oly-Boxturnier im Welter- beziehungsweise Mittelgewicht wahrzunehmen hatte, waren neben dem

Briten Pack in absolut einwandfreier
Manier von Michel aus dem Wettbewerb geworfen worden. Nur daß er sich mit dem besonders nervlich unheimlich starken Naturburschen aus dem Lande der tausend Seen nicht abfinden konnte, ist mir vollkommen schleierhaft!" - Zweifellos war diese Ansicht des ťalten Hasen" nicht falsch. Da nun aber bekanntlich jedes Ding zwei Seiten hat, ist, auf unseren Fall bezogen, die andere Seite die: Murach, übrigens der einzige Rechtsausleger in der Mannschaft, zählte von den 28 Titelbewerbern der Weltergewichtsklasse zu den fünf Kleinsten. Er war nur 1,71 m groß und besaß keine affenlangen Arme. Sein Gegner, der Engländer Pack zum Beispiel, maß 1,79 m, Pisarski (Polen) war ein Meter sechsundsiebenzig groß, Mandy (Ungarn) 1,75 m, Chin Knei (China) 1.77 m u.s.f. Sie hatten alle durch die Bank ein Plus von 5 und mehr Zentimetern. Wohl alle von uns wissen es doch genau -, daß es auf jeden Zentimeter ankommt. Größere Reichweite zu besitzen, und sie zu nützen verstehen, bedeutet immer ein klares Plus!

Mit diesem Handicap war Michel also in das Weltboxturnier hineingegangen, hatte dennoch sich glänzend zu behaupten verstanden. Aber Sten Suvio war gut gesteuert, und dazu besaß er noch Dynamit in seiner Rechten, und diese Rechte war es, die Michel das Konzept verdarb, denn genau wie die übrigen Gegner des Finnen, konnte auch Murach diese harte Faust nicht verdauen. Das mag - für die andere Seite - zum besseren Verstehen der "schleierhaften Niederlage" genügen. Aufgezeigt sollte damit ja hauptsächlich werden, wie viele Momente - im Kampf mit den Fäusten - für Sieg oder Niederlage von mitentscheidender Bedeutung sein können. Selbst die Feststellung, daß der Westfale in seiner Laufbahn

73 Gegner ausgeknokt hatte
und ausgerechnet ihm es passieren mußte, an einem "Bums" zu scheitern, ist psychologisch erwähnenswert, weil es bei Murach einen Stachel hinterließ. Diesen Stachel zu locken - diese Scharte wieder auszuwetzen, waren im stillen seine heimlichen Gedanken. - Kurz, doch noch einmal in den olympischer Boxring zu siegen, um den höchsten Lorbeer, um die goldene Medaille zu erkämpfen ... Aber daraus wurde nichts. Michel Murachs Wunsch erfüllte sich nicht, denn die Jugend der Welt trat nicht mehr, wie es vorgesehen war, in Tokio 1940 zum friedlichen Wettkampf an,

sondern lag sich in totspeienden Gräben gegenüber.
Das grausamste Kriegsabenteuer der Geschichte hatte nicht nur den Sinn aller sportlichen Wettkämpfe ad absurdum geführt, sondern eine ungeheure blutige Ernte unter den Söhnen aller Nationen gehalten, und unter den zahlreichen deutschen Sportlern fiel auch unser immer lächelnde Michel Murach.

Ein Jahrzehnt hatte der Westfale in der Spitzengruppe seiner Klasse dominiert. Michel hatte nie einen Gegner gescheut. Erich Campe (Berlin) war jahrelang sein schärfster Rivale. Zufällig haben beide auch am gleichen Tage, dem l. Februar Geburtstag. Nur ist der Schalker ein Jahr älter als der Berliner. Dafür ist aber der Berliner noch 10 Zentimeter größer und gewann die Europameisterschaft im Weltergewicht mit 21 Jahren und war damals schon 1,80 m groß! Während Murach, als er in Milano (Mailand) den Gürtel in Empfang nehmen konnte, das 25. Lebensjahr vollendet hatte. Nicht weniger als 21mal stand Murach in der Länderstaffel, um Deutschlands Farben zu vertreten. Als der Chronist ihn einmal nach dem Grund seiner Erfolge fragte, antwortete er - ohne den Schalk im Auge und ohne Lächeln - ganz einfach: "Ich lebe als Sportsmann!" - Und die Antwort auf die folgende Frage lautete: "In der Zukunft denke ich auch nicht daran, das Lager der Amateure zu verlassen. Ich habe meine Existenz als städtischer Angestellter und meinen Sport - das genügt mir vollauf!" Das war Michel Murach.


Wichtiger Hinweis:
Trotz umfangreicher Ermittlungen war es mir leider nicht möglich, den Verfasser, Herrn Fenelon Thieme, ausfindig zu machen.
Einer Empfehlung der Verwertungsgesellschaft Wort (VG Wort) zufolge, bitte ich den Verfasser oder den nach dem Urheberrechtsgesetz rechtmäßigen Rechtsnachfolger um eine Kontaktaufnahme mit mir.

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© 2000,  Jens Gatzenmeier

 Stand: Oktober 2007