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Athleten-Club Einigkeit Elmshorn von 1893 e.V.

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"Rumpelstilzchen" und das Berlin der 20er Jahre.


  Der Journalist Adolf Stein hat in den Jahren 1920 bis 1935 unter dem Pseudonym "Rumpelstilzchen" als Beobachter der Berliner Kulturszene für die "Tägliche Rundschau" wöchentlich ein Feuilleton geschrieben.
Diese mit scharfer Feder und sprühendem Humor geschriebene Glossen über Berliner Kultur- und Zeitgeschehen der zwanziger Jahre wurden in vielen Zeitungen des ganzen Reiches nachgedruckt.

Karlheinz Everts hat wegen dieser zeitgenössischen Informationen zahlreiche Rumpelstilzchen-Seiten im Internet veröffentlicht. Sie finden diese Glossen unter http://karlheinz.everts.bei.t-online.de/homepage.htm.

Wenn Sie noch mehr von "Rumpelstilzchen" lesen wollen, empfehle ich Ihnen den Besuch seiner Webseite sehr!

Für die freundliche Erlaubnis zur Veröffentlichung der Texte, die sich mit dem Boxen befassen, danke ich Herrn Everts!


Lebenslauf

  Adolf Stein wurde am 16. August 1870 in Moskau geboren. Er besuchte die Gymnasien in Reval und Stettin und studierte in Berlin und Heidelberg. Er war dreimal verheiratet und hatte 6 eigene und 2 angenommene Kinder (3 Töchter und 5 Söhne).

Nach einem Freiwilligen-Jahr in Potsdam war er Reserveoffizier im Feldartillerie-Regiment Nr. 63.
Anschließend war er als Mitarbeiter der Kreuzzeitung und später als Redakteur bei verschiedenen Provinzblättern tätig.

Er unternahm Reisen in Afrika und Inner-Asien. 1904 wurde die imperialistische Wochenschrift "Der Deutsche" von ihm gegründet.

Im 1. Weltkrieg war Stein Fliegeroffizier ( Luftschiffwaffe). 1917 kämpfte er an der Ost- und Westfront, 1918 in der Türkei.

Einem Zeitungsbericht der "Braunschweiger Zeitung" von Dienstag, 7. September 1948 ist folgendes zu entnehmen:

"Adolf Stein, Verfasser der "Rumpelstilzchen-Bücher", beging vor einigen Tagen in seiner Berliner Wohnung Selbstmord. (DPD)"

"Rumpelstilzchen" wurde 78 Jahre alt.


Inhalt:

"Berliner Allerlei"   (Jahrgangsband 1920/21)

Berliner Allerlei


"Was sich Berlin erzählt"   (Jahrgangsband 1921/22)

Was sich Berlin erzählt


"Un det jloobste?"   (Jahrgangsband 1922/23)

Un det jloobste?


"Bei mir - Berlin!"   (Jahrgangsband 1923/24)

Bei mir - Berlin!


Haste Worte?   (Jahrgangsband 1924/25)

Haste Worte?


"Mecker' nich!"   (Jahrgangsband 1925/26)

Mecker' nich!


Klamauk muß sein!   (Jahrgangsband 1927/28)

Klamauk muß sein!


Piept es?   (Jahrgangsband 1929/30)

Piept es?


Das sowieso!   (Jahrgangsband 1930/31)

Das sowieso!


Nun wenn schon!   (Jahrgangsband 1931/32)

Nun wenn schon!


"Berliner Allerlei"   (Jahrgangsband 1920/21)
Verlag der Täglichen Rundschau / Berlin, 1922

Glosse 14 vom 30. Dezember 1920


"Boxen ist einzig"

  Im übrigen werden wir aus einer Nation von Sporttreibenden immer mehr eine Nation von Sportzuschauern. Aus dem Ring unserer Fußballer ist jüngst eine ganze Anzahl der besten Stürmer und Torwächter ausgebrochen, um gegen 18 000 Mark Jahresgehalt (gegenüber englischen Verhältnissen eine Lappalie) zu Berufsspielern vor zahlenden Zuschauern zu werden. Viele von diesen kehren freilich reuig wieder zurück und bitten den Berliner Verband um Wiederaufnahme in den Kreis der Amateure. Auch im Boxen, dem großen Modesport, ist die Verlockung groß, Professional zu werden.

  Genau so wie die Engländer sich immer über die "blutige Roheit" unserer Studentenmensuren aufgehalten haben, haben wir das Boxen für rüde gehalten. Jetzt aber hat es uns gewonnen. Drüben in England greift der junge Mann, ehe er morgens ins Bureau geht, zu seinem Handschuh von 12 Unzen, ruft über den Gartenzaun den Nachbar an und ficht mal erst ein paar Gänge mit ihm aus. In Eton-College, das für die Engländer mehr bedeutet als für uns Schulpforta oder die Latina in Halle, strahlt noch heute der Ruhm jenes Sechzehnjährigen, der einst - das mag so um 1850 herum gewesen sein - trotz seiner Schwächlichkeit einen Boxkampf von 2 1/4 Stunden durchfocht und daran starb. Von diesem Jungen wird mehr erzählt als von Wellington oder Nelson.

  In Berlin ist die Boxbegeisterung noch im Wachsen. Zu den Faustkämpfen drängen die Leute mehr als zum Kino; wir werden uns damit abfinden müssen, daß sie auch bei uns zum Hauptvolksvergnügen werden. Dieser bei uns junge Sport hat es freilich noch schwer, gesellschaftsfähig zu werden, und ich will ihm daher gern ein Patengeschenk mitgeben, das ich jüngst bei der Lektüre der Hohenzollernbriefe von 1813/15 fand. Prinz Wilhelm, der nachmalige alte Kaiser, ist in London, sieht alles Sehenswerte, auch einen Boxkampf, und schreibt darüber seiner Schwester: "Bochsen ist einzig!" Bisher ist noch niemand auf dieses Wort gestoßen. Ich gebe es gratis her und bin überzeugt, daß es mit der Unterschrift "Wilhelm I." über Jahr und Tag als Emblem bei allen Boxklubs hängt.

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Glosse 31 vom 28.April 1921


Meisterschaftsboxen

  Auf dem Wege über das Boxen wird allmählich auch die studentische Mensur in Deutschland vielleicht Gnade finden vor den Augen der Masse, nachdem bisher jahrzehntelang die Arbeiterpresse diese Zweikämpfe als privilegierten Mord verdammt hat. Beides ist Sport, bei beiden Sportarten sind Todesfälle möglich, aber selten; bei beiden ist "Abfuhr" oder" Knockout" erwünscht, also völlige Kampfunfähigkeit des Gegners das Ziel, beide sind ein sehr blutiges Schauspiel. Der einzige Unterschied ist der, daß die berufsmäßigen Boxer für Geld auftreten, während die studentischen Mensuren unbezahltes Privatvergnügen sind.

  Mit vielen Tausenden, die willig bis zu 250 Mark für den Sitzplatz bezahlten, habe ich mir jetzt im Zirkus Busch das deutsche Meisterschaftsboxen angesehen. Das ist nichts für zarte Nerven. Hie und da sieht man zwar einen Schieber mit seiner kleinen Freundin, aber fast durchweg füllen doch nur Männer die Bankreihen. Ein Sprecher, den man auf dem Brettl Conférencier zu nennen pflegt, ein Vorkäuer, eröffnet den Tag mit ein paar überflüssigen, schmalzig-falschen Worten über die Bedeutung des Sportes "in dem stolzen Bau der Völkerversöhnung". Man hätte sich das ebenso sparen können, wie die Schleifen in italienischen und - französischen Farben in dem Siegerkranz, den die Direktion dieses Abends dem Engländer Tom Cowler, der eine Einlage ausfocht, widmete. Der Kampf der Federgewichte um den blauen Gürtel der Meisterschaft sieht den bisherigen Meister Fritz Rolauf siegreich über seinen Wettbewerber F. Abele aus Stuttgart. Abele ist das, was man bei Rennpferden "fit and well" nennt: kein Lot Fett sieht man an seinem Körper, nur ausgearbeitete Muskelbänder, die darüber hinlaufen; er gäbe ein vortreffliches anatomisches Modell für den Bildhauer.

  Im ersten Gange schlägt er dem Gegner den Nasenrücken blutig. Im Zweiten aber erhält er einen so wuchtigen Kinnhaken, daß er wie vom Blitz gefällt hintenüberstürzt und liegen bleibt. Es ist aus; schneller, als man nach Abeles gutem Sport erwartet hätte. Um die Leichtgewichtsmeisterschaft tritt Prenzel-Hamburg erfolgreich gegen den bisherigen Titelinhaber Dubois in den Ring. Dubois ficht in eigenartiger, stets gebückter Haltung, beide Fäuste dicht vor dem Gesicht, die Ellenbogen zum Schutz vor der Magengrube. Man sieht die Augen zwischen den dunklen Fausthandschuhen glühen. Er lauert auf "seinen" Moment zum Zuschlagen. Dazu läßt ihm aber Prenzel in hageldichten Hieben keine Zeit. Immer wieder muß Dubois zu Boden, ruht sich aus, erhebt sich wieder, ehe ausgezählt ist -, in der zweiten Runde aber fällt ihn ein rechter Haken, er stürzt wie leblos aufs Gesicht, das alsbald graugelb von Staub und Kreide und Kolophonium wird; Arme und Beine aber liegen regellos daneben wie bei einer umgeworfenen Gliederpuppe. Man hebt ihn nach dem Auszählen auf, fegt das "Ruhmesgemüse" weg, nämlich die aus Prenzels Lorbeerkranz entfallenen Blätter, und Tom Cowler tritt gegen Guiseppe Spalla in den Ring, der englische Koloß gegen den kleineren, aber kräftigen und geschmeidigen Italiener. Dieses Zwischenspiel ist für viele Besucher die Hauptsache, denn, so sagen sie, nur Ausländer sind wirklich "von Klasse" im Boxen.

  Eigentlich verläuft der Kampf aber uninteressant. Bei der Reichweite seiner Riesenarme braucht der alte Cowler, von dessen gelichtetem Schädel vorn ein stehengebliebenes Haarbüschel in die Stirn hängt, gar kein besonderes Temperament aufzubringen, besonders da er bei seinem Gewicht von 192 Pfund sehr hart schlagen kann, wenn er einmal zuschlägt. Spalla arbeitet sich vergeblich an dieser Nilpferdhaut ab. Cowler zeigt nur grinsend seine Goldplomben über dem breit und eckig vorspringenden unrasierten Kinn, das unverwundbar wie die Panzerkuppel eines Forts zu sein scheint. Spalla geht zu viel "in Clinch", er klebt, um sozusagen im sicheren toten Winkel zu sein, wird abgeschlenkert, geht im 5. Gange bis auf 10 nieder, bekommt im 6. einen Schwinger links und gibt völlig ausgepumpt im 7. Gange auf.

  Die letzte Programmnummer soll zwischen dem Berliner Naujocks und dem Magdeburger Wiegert die Entscheidung um die Meisterschaft im Zwischengewicht bringen, endet aber unentschieden nach voll ausgekämpften 20 Runden. Der Magdeburger schlägt sehr schnell und hart, aber seine Schwinger verfehlen meist ihr Ziel, da Naujocks fabelhaft gewandt ausweicht. In der 3. Runde bekommt der kleine muskulöse Naujocks einen mächtigen Hieb auf die Magengrube, schluckt ihn aber gut. Seinen Gegner schlägt er allmählich über und über blutrünstig, hat aber nicht die Wucht zu einem auf einmal entscheidenden Stoß. Noch in der 20. Runde, nach etwa einstündigem Faustkampf, springt Naujocks frisch wie ein Gummiball herum. Selbst die Zuschauer, die nach einem Knockout lechzen und gebrochene Nasenbeine oder über den Kampfplatz kollernde Vorderzähne sehen wollen, sind von der Technik dieses Kampfes befriedigt. Nur hie und da wischt sich jemand die feuchte Stirn und ruft nach einem Cognac. Die Gladiatorenkämpfe, von Rom vererbt, von England gepflegt, von Deutschland übernommen, haben schon ihr Publikum bei uns, aber dieses Publikum erkennt, daß es seine Nerven noch trainieren muß. Man sieht bleiche Gesichter nicht nur in den Logen und im Parkett, sondern auch oben auf dem "Steh-Bums" zu 50 Mark; und wenn man den Gefühlen dieser Leute nachspürt, so erfährt man in den meisten Fällen, daß es nicht das viele Blut ist, das ihnen Übelkeit erregt, sondern das Bewußtsein, daß da unten von uns bezahlte Menschen sich für Geld "in die Fresse hauen": dieser Sport ist ein Gewerbe. Aber vielleicht trägt er dazu bei, daß man fortan im Volke milder über ständische Turniere denkt, über das Pauken der Studenten und das Lanzenstechen der alten Ritter.

  Früher habe ich den Vielgeliebten, unseren Schwergewichtsmeister Breitensträter, boxen sehen, diesen typischen Deutschen, dessen blonder Haarschopf wie goldene Helmzier über der Stirne steht. Er ist der größte Geldverdiener in der Zunft; und das ist es, was diesen Leuten den eigentlichen Nimbus verleiht. Nun kann freilich nicht jedermann boxen. Ebenso kann nicht jeder alte Herr, den die Revolution aus dem Geleise geworfen hat, Schieber oder Brettlsänger werden. Auch mancher Mann, der noch annähernd "in den besten Jahren" sich befindet, lebt heute davon, daß er allmählich verkauft, was er in seinem Leben gesammelt hat, was seinem Leben Inhalt gab.

  In Berliner Althandlungen tauchen jetzt die seltensten wissenschaftlichen Werke auf, nicht nur Briefmarken und Porzellane und Schmuck und Silhouetten. Der Hauptmann a. D. Hildebrandt, der bekannte Luftschiffer, galt vor zwanzig Jahren als einer unserer "wohlhabenden" Offiziere. Er konnte seiner großen Liebe leben, alles zu sammeln, was jemals über sein Arbeitsgebiet veröffentlicht war. Jahrhunderte alte phantastische Schmöker über die Eroberung der Luft waren dabei. Seine elegante junge Frau, das erste weibliche Wesen, das in Deutschland - mit Orville Wright - im Flugzeug sich erhoben hatte, teilte seine Sammelfreude. Nun ist durch Reichsnotopfer und andere Steuern das Vermögen zusammengeschmolzen, von dem Rest gilt jede Mark nur noch acht Pfennig, und Hildebrandt, ein aufrechter königstreuer Mann, der nie seine Knie vor dem November-Baal gebeugt hat, muß seine Lieblinge, die Bilder und Bücher und Modelle, verkaufen. Es ist die vollständigste auf Erden bekannte Bibliothek über Luftschiffahrt; in allen Sprachen der Welt. Sie zerstäubt jetzt auf dem Wege über Berliner Antiquare wieder über die ganze Welt. Das ist nur ein einzelnes, an sich belangloses Beispiel von vielen. Aus anderen Familien kommen Altertümer bis zu eigenhändigen Briefen des Großen Kurfürsten auf den Markt. Kleine exotische Götzenbilder und sonstige Kostbarkeiten, die unsere Afrikaforscher und Asienerschließer heimbrachten, enden im Boudoir irgendeiner Mondäne, die klingende Beziehungen zu valutastarken Ausländern hat.

  Wir verarmen nicht nur, sondern wir werden auch geschichtslos. Trophäen von 1813 schleppen die Franzosen ohne Bezahlung weg, obwohl der Versailler Vertrag ihnen nur Trophäen von 1870 zuerkennt. Und doch ist diese tausendfältige stille Not in Deutschland noch gar nichts gegen das Elend, unter dessen Druck im benachbarten Österreich die letzten Säulen des geborstenen alten Staates stehen. Der Feldmarschall Conrad v. Hötzendorff, der ehemalige Generalstabschef, der schon vor einem Jahrzehnt mit klaren Augen den Kampf gegen Italien kommen sah, einer der wenigen genialen Köpfe, die unter dem schwarzgelben Banner sich durchsetzen konnten, lebt jetzt in Innsbruck in jammervoller Lage. Nur ein Zufall - denn der alte Baron v. Conrad selber schweigt - hat mir in das Heim des tapferen Bundesgenossen geleuchtet. Dieser Feldmarschall v. Conrad, dessen greise Frau die letzten Schmuckstücke aus glücklicheren Tagen hergibt, um den Hunger zu stillen, hat nach unserem Gelde eine monatliche Pension von 438 Mark für sich und die Seinen zu verzehren, während Innsbrucker Fabrikarbeiter mit einem Durchschnittslohn von 1000 Mark nur knapp auskommen können. Der Feldmarschall holt sich sein Essen täglich aus der Volksküche für arme geistige Arbeiter ...

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Glosse 37 vom 8. Juni 1921


Preisboxen für Damen

  Besonders, wenn ich zwei mit neugewaschener Seele Zurückgekehrte abends in einer Loge - des Metropol wiederfinde, weil sie schon wieder ganz andere Sensationen brauchen. Da gibt es nämlich allabendlich, man höre und staune, ein internationales Preisboxen für Damen. Eigentlich wollte ich sie alle interviewen, besonders die internationalen. Ich gelangte aber nur zu der einen, die nicht allzuweit von der Spree geboren sein mag, und erhaschte auch nur auf eine einzige Frage eine einzige kurze Antwort: "Wenn andere Damens sich im Reichstag wählen lassen, warum soll'n wa denn nich boxen dirfen?" Das ist einleuchtend; ohne Zweifel. Weniger einleuchtend ist es zunächst für die zahlreich erschienenen Zuschauer, daß die Boxerinnen wie die Chormädels einer Operette eine Art Ruderdreß anhaben. Kurzes Röckchen, weißen Sweater, große Badehaube. Die Meisterboxer haben doch nur einen Lendenschurz, und über ihrem durchtrainierten Körper sieht man die Muskeln wie stählerne Bänder laufen. Die Röckchen gibt man bald als notwendig zu. Man begehret nimmer zu schauen, was sie gnädig bedecken mit Nacht und Grauen: eine von diesen armseligen Figuren ist gar nur 153 Zentimeter hoch und macht einen infantilen Eindruck. Der Sweater müßte eigentlich eine Blecheinlage haben, um den für Frauen so gefährlichen Mammalien-Stoß zu parieren. Die Haube schließlich mag eine notwendige Vorsorge dafür sein, daß nicht am Ende einer der Damen eine Haarnadel in die Kopfhaut gehauen wird.

  Innerhalb des viereckigen Kampfplatzes, den man "Ring" nennt, ist nun doch ein kleineres Viereck abgegrenzt. Auf diesem wird geboxt. Um die Federgewichts-Meisterschaft von Mittelgalizien. Eigentlich geben sich die Damen nur operettenhafte Ohrfeige. Alles ist einstudiert, auch der Sieg der angeblich deutschen über angeblich ausländische Boxerinnen, auch das angeblich impulsive Lospauken der angeblichen Ilona Kowacz, einer drallen Köchinnenfigur, die wegen unfairer Kampfesweise - sie tritt die Gegnerin vor die Schienbeine - distanziert wird und nun dem Manager zu Leibe geht und ihm einen Blecheimer an den Kopf wirft. Wenn ihr wüßtet! Wenn ihr nämlich wüßtet, daß sie das genauso alle Abende macht, weil es einfach zu ihrer Nummer gehört.

  Und willst du wissen, was sich ziemt, so frage nur beim Metropole an.

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"Was sich Berlin erzählt"   (Jahrgangsband 1921/22)
Dom-Verlag / Berlin, 1922 und Brunnen-Verlag / Karl Winckler / Berlin, 1923

Glosse 18 vom 19. Januar 1922


Im Sportpalast

  Richtigen Sport im alten Sinne haben wir trotz Tanz und Feez immer noch genug, besonders seit der große Sportpalast in der Potsdamer Straße mit seiner vortrefflichen Bahn und dem riesigen Zuschauerraum in drei Rängen übereinander wieder seinem ursprünglichen Zweck dienstbar gemacht worden ist. Da hat der Verein der Sportpresse dem Publikum ein Schaufest gegeben, wo in schönen Aufführungen und Wettkämpfen jeglicher Saalsport geboten wurde. Sogar die vom grünen Rasen, die Jockeilehrlinge aus Karlshorst und Hoppegarten, mußten herhalten, allerdings nicht zum Pferderennen, sondern zum Tauziehen, wobei die Karlshorster Hindernisjungens sich als um einige Pfund besser herausstellten. Das war natürlich nur ein farbenbunter Scherz als Zwischengericht. Im übrigen wurde Kürturnen, Radfahren, Laufen, Fechten, Boxen vorgeführt, und das Publikum konnte seine "Lieblingskanonen" als Wettkämpfer oder wenigstens als Ehrengäste beäugen.

  Wenn ich zu dergleichen Veranstaltungen gehe und mir durch einen Boten vorher die Eintrittskarten besorgen lasse, habe ich immer ein etwas unbehagliches Gefühl. Ich denke, der Junge sage sich sicher: "Für so etwas gibt dieser Burschewa nun das viele Geld aus, pfui Teufel, und wir Proletarier kriegen nur einen Hungerlohn." Also nur zögernd erkläre ich dem jungen Radfahrer, er möge mir einen Platz besorgen, nicht zu teuer natürlich, aber immerhin einen Platz, von dem aus man gut sehen kann. Un da sagt er ganz gleichmütig: "Ich jehe in 'n Sportpalast imma for 65 Emm, da kenn' Se ooch hin, da kenn' Se alles jut sehen!"

  Donnerwetter! Nächstens gibt mir der Junge vielleicht ein Trinkgeld. Aber recht hat er. Ich habe vortrefflich gesehen. An sich ist es mir freilich ganz gleichgültig, ob Lorenz Stabe oder Stabe Lorenz überrundet, ich habe gar keine "Lieblingskanone", sondern freue mich völlig unpersönlich an dem Bilde, an der Kraft, an der Disziplin, an dem Willen zum Siege. Und manchmal sehe ich sogar mehr auf das Publikum als auf den Ring der Boxer, in dem gerade Naujocks in der Visage seines Gegners Murphy mit einem harten Kinnhaken landet. Dieses Publikum ist mißgestimmt, weil nicht mit 4-Unzen-Handschuhen, sondern mit 6-Unzen-Handschuhen gefochten wird, deren dicke Polsterung die Stöße mildert, so daß "Knockout" - Niederschlag zur Bewußtlosigkeit - kaum zu erwarten ist. Die Augen der Zuschauer glimmen. Man will Blut sehen. Es soll einer zusammenstürzen wie der Schlachtochse, der mit dem Beil vor den Kopf zusammengehauen wird. Da lesen diese Leute, die zu neun Zehnteln dem Kleinbürger- und dem Arbeiterstande angehören, täglich in ihrer Presse die pazifistischen Leitartikel, aber sie lechzen nach Kampf und Niederschlag.

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"Un det jloobste?"   (Jahrgangsband 1922/23)
Brunnen-Verlag / Karl Winckler / Berlin, 1923

Glosse 2 vom 28. September 1922


In der Knock-out-Bar und vor dem Sportpalast - Vom Boxen - Breitensträter zu Hause

  In der "Knock-out-Bar" in der Potsdamer Straße, schräg gegenüber dem Sportpalast, geht es hoch her. In Motz' Sporthotel in der Dessauer Straße, wo die auswärtigen Koryphäen sich treffen, wimmelt es ebenso. Kein Mensch, selbst der mondscheinblasse Tauentzien-Ästhet nicht, spricht noch von Türkensieg oder Einstein-Sonnenfinsternis oder Dollarkurs, sondern von Kinnhaken und Clinch und Fighters und Nierenstößen. Selbst die Fahrstuhljungen im Adlon träumen mit geballten Fäusten. Berlin ist auf dem besten Wege dazu, in die Boxraserei Amerikas, Englands und Frankreichs zu verfallen. Ich gehe jede Wette darauf ein, daß die Dreikäsehochs aus der Ackerstraße mehr von Dempsey und Breitensträter und Carpentier wissen als von Hindenburg und Goethe und Derfflinger.

  Die Konjunktur ist ja gegeben. Das deutsche Volk ist eingepfercht und umschnürt, es darf laut Versailler Vertrag und laut Weimarer Verfassung nur noch im Geiste der Völkerversöhnung - während seine Feinde unversöhnlich bleiben - erzogen werden, ist der Romantik der militärischen Dienstjahre beraubt, sieht jedes Vorwärtsstreben in den Alltagssorgen erstickt, muß sich seine Politik in Paris diktieren lassen, ist in der Luftfahrt geknebelt und kann eben bestenfalls auf dem Gebiete des Sports Rekorden nachjagen. Im Boxen hofft es gerade jetzt den "Anschluß an internationale Klasse" zu erreichen. In Paris ist Carpentier, der einstige Weltmeister, von einem Gegner niedergeschlagen worden, der unseren Breitensträter mit Mühe nur "nach Punkten" besiegen konnte. In Riesenbuchstaben ist dies am Sportpalast plakatiert. Davor aber drängen sich Tausende, schon am Vormittag, um noch eine Eintrittskarte zu einem Breitensträter-Abend zu erhalten, aber 14 000 Karten sind, schon am Vormittag, vergriffen, und die Nichtbefriedigten bleiben den ganzen Tag draußen eingekeilt stehen, um wenigstens am Spätabend nahe an der Quelle erfahren zu können, wer gesiegt hat; und andere Tausende hocken drüben in der Knock-out-Bar und in allen umliegenden Lokalen und sprechen aufgeregt über die "Papierform" der einzelnen Kämpfer.

  So entlädt sich die künstlich gefesselte Mannhaftigkeit eines Volkes. Man will und muß Helden haben. Die des "blutbesudelten alten Regimes" hat man abgeschafft; dafür lechzt man nach dem Blute im Ring der Boxer.

  Mit einem einfachen Arbeiter, der den Lohn eines ganzen Achtstundentags freudig für die Eintrittskarte hergegeben hat, komme ich darüber ins Gespräch. "Erlau'm Se mal!", sagt er überlegen, und erzählt mir, daß Boxen einfach zur Körperkultur gehöre und außerdem den darin Ausgebildeten gegen Überfälle schütze. Ach was! Das - Zusehen beim Boxen kultiviert nicht und schützt nicht; von den 14 000 im Sportpalast sind 13 000 nur wegen der Sensation gekommen, und vom Rest betreiben vielleicht 300 wirklich das Boxen. Außerdem ist eine einzige Mauserpistole oder ein gemeines Dolchmesser stärker als Dempsey. Ja, wenn die Begeisterten wirklich alle selber dem Faustkampf huldigten und wenn überhaupt alle Volksgenossen auf Schlagring und andere "unfaire" Dinge verzichteten! Aber von den Besuchern des Sportpalastes haben sicher mehr als tausend einen in der Tasche; dieses ganze Publikum macht einen nichts weniger als ritterlichen Eindruck. "Ick hau' Dir ene, det de Mordkommission Dir nachher von de Wand abkratzen muß!", sagt einer auf einem 1000-Mark-Platz, als eine Meinungsverschiedenheit um den Platz entsteht.

  Aber die Backen glühen, die Augen funkeln, der Wildgeruch steigt auf, als es zur Hauptentscheidung des Abends kommt. Nach Breitensträters Sieg umtobt ihn ein rasender Beifall. Einmal schon hat sein Gegner zu Boden müssen, ohne freilich ausgezählt zu werden. Jetzt wird er mit schnellen, harten Stößen an die Seile gedrängt, ein Schlag in die Magengrube läßt ihn schwanken, in die Seile greifen, darin hängen und vornüberklappen, in demselben Augenblick sitzt ein furchtbarer Hieb auf seiner Kinnlade, er stürzt auf die staub- und kolophoniumbedeckten Bretter, das schweiß-feuchte Gesicht bekommt eine graugelbe Tünche, und über ihm wird ausgezählt: es ist wie ein Todesurteil. Aber Breitensträter mit seinem goldblonden Haarschopf steht da wie ein helmumbuschter klassischer Sieger. Weit offen erscheinen ihm die "internationalen" Tore. Nun ist er bald "ganz Klasse" und kann mit seinem Manager daran denken, vielleicht schon im nächsten Jahre Dollars zu scheffeln.

  In Papiermark hat er schon einen ganz hübschen Posten, der sich besonders gemehrt hat, als er - unter die Filmstars ging und in allerlei halsbrecherischen Tricks "Den Helden des Tages" mimte. Man sollte meinen, der Händedruck eines solchen Burschen von eiserner Kraft müsse genügen, um einem Besucher den ganzen Tag zu verderben. Nicht doch! Hans Breitensträter kann ganz zart sein. Ich meine nicht einmal, wenn er sich in Damengesellschaft befindet, die natürlich auf ihn erpicht ist, sondern - wenn er zu seiner Geige greift und Chopins Es-Dur-Nocturno den Saiten entlockt; oder wenn er seine Orchideen betreut, unter denen eine eigene Züchtung, die Cattleya Trianea Breitensträteri, ihm die größte Freude macht; oder wenn er mit seinem Hänschen, dem kleinen gelben Kanarienvogel, um die Wette pfeift; oder wenn er seine putzige Sammlung von Teddybären, von denen einen einzigen zu besitzen, sein ganzer Stolz gewesen wäre, als er noch ein armer Junge war, streichelt.

  Er ist also nicht etwa so ein ungeschlachter, animalischer Gesell, wie der über und über tätowierte englische Boxkollege Harry Reeve oder wie mancher Ringer. Jedenfalls ist er schon in jungen Jahren, dank dem Betriebskapital seiner zwei Fäuste, zu einem großen Unternehmen geworden, das einen ganzen Stab unterhält, vom Manager bis zum Sekretär, vom Trainer bis zum Masseur, - und da er eine ungeheure Willenskraft besitzt, in Kopenhagen einmal sogar 10 Runden mit frisch gebrochenem Finger durchstand, hofft er noch sein Ziel zu erreichen, als Stolz Deutschlands einmal Weltmeister der Schwergewichtsboxer zu werden.

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Glosse 5 vom 19. Oktober 1922


Herausforderung um die Damen-Boxmeisterschaft

  Es gibt nur so wenige unter uns, denen heute unter den Sorgen des Alltags noch das Herz entbrennt, wenn von der Welt des Scheines die Rede ist. Dieser holde betörende Schein im Lichte der Rampe! Wir leben in einer Welt - der Scheine. Der Kreis der Theatergenießer in edelstem Sinne verengert sich, weil wir robustere Genüsse brauchen. Die Psyche des jungen Fritz interessiert weit weniger, als die Herausforderung der Damen-Boxerinnen im Palais der Friedrichstadt, dem alten Tanzlokal, an eine andere Gruppe solcher weiblichen Professionals, sie im Faustkampf um den Preis mehrerer Zehntausendmarkscheine zu besiegen.

  Vor Jahren trat in Europa einmal das boxende Känguruh auf. Auch dem Schimpanse Konsul hatte man die Kunst der 6-Unzen-Handschuhe beigebracht. Ich stelle nach bestem Wissen und Gewissen fest, daß beide sportlich und in der ganzen Fairneß ihres Auftretens die Damen des Palais der Friedrichstadt bei weitem übertrafen. Dies hier ist und bleibt eine lächerliche, mühsam einstudierte Komödie; seit sie zum ersten Mal in Berlin im Monopol-Variété versucht worden ist, ist sie nicht besser geworden. Das vermännlichte Weib, das Weib der Statuetten Konstantin Meuniers, könnte sich ja wohl zum Boxen trainieren. Diese Weibchen aber, die nach Peau d'Espagne duften, manicurt sind und nach der Vorstellung eilends in den Brokatmantel schlüpfen, um sich mit irgend einem Gent Berlin noch weiter anzusehen, haben keine Ahnung von sportlicher Härte. Es sind Puppen, weiter nichts. Zum Besuch ihrer Vorstellung reizen Plakate, die uns im Bilde reichlich ausgekleidete hübsche Huldinnen zeigen. Das zieht nicht die Sportler, aber die Lebegreise an, - weniger vielleicht die Berliner, die den "Mumpitz" schon kennen, als die Exoten.

  Hin und wieder verirrt sich auch ein schlichter Arbeiter im Ausgehstaat hin, der gern etwas Kraftvoll-Animalisches anstaunen möchte und dann bitter enttäuscht wird. In diesen Kreisen gilt die Faust, die schwielige Faust womöglich, alles. Ihnen geht Breitensträter über Goethe. Und ihre eigene Tätigkeit schätzen sie natürlich auch viel höher ein als irgend eine rein geistige. Bei einem Bekannten von uns, einem Berliner Arzt, war dieser Tage ein kleiner Ofen umzusetzen und an der neuen Stelle die Ofenröhre im Wandloch zu verschmieren. Eine Sache von allenfalls 2 Stunden. Der Mann tat sehr gemütlich seine Arbeit und forderte darauf - das ist heute noch allerhand - als Lohn 520 Mark.

  "Um Gottes willen, so viel verdiene ich selber ja nicht," rief der Arzt.

Und majestätisch erscholl die Antwort:

"Det is ooch janz wat anners, Sie jehen bloß bei die Kranken und schrei'm wat uff, aber ick, ick arbeete!"

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Glosse 31 vom 26.April 1923


Breitensträter schlägt Wagner Knockout - Allemand Daudets "Meisterboxer"

  Manche Fremde machen freilich slebst hierzu skeptische Gesichter, denn anderswo sehen sie doch, daß Berliner gerade der sogenannten proletarischen Schichten unbedenklich Zehntausende ausgeben, wenn es das Vergnügen gilt. Der Sportpalast in der Potsdamer Straße könnte doppelt und dreifach so groß sein als er ist und wäre trotzdem imm er ausverkauft, wenn etwa ein "Großkampftag" im Boxen angezeigt ist. Nachgerade muß man beinahe schon "Beziehungen" haben, um überhaupt für Geld, sehr viel Geld, und gute Worte, sehr gute Worte, eine Eintrittskarte zu bekommen, die bei den wilden Händlern schließlich ganz phantastische Preise erklettern.

  Am letzten Sonnabend haben Spätkommende, natürlich Neureiche, bis zu 150 000 für einen Sitzplatz bezahlt, um Breitensträter, unseren deutschen Schwergewichtsmeister, gegen den neuen Mann aus Duisburg, Wagener, kämpfen zu sehen. Der goldblonde Hans Breitensträter in seiner fast mädchenhaft weißen Haut sieht neben dem bräunlichen Riesen Wagener, der mit seinen 192 Zentimetern ihn um Haupteslänge überragt und auch ein viel größeres Gewicht in seine langen Arme legen kann, wie David vor Goliath aus, hat aber, das sieht man gleich anfangs, die bessere Technik und den stärkeren Angriffsgeist.

  In dem halbdunkel des Riesenraumes starrt alles gebannt von der ersten bis zur letzten Sekunde auf den lichtüberfluteten "Ring" in der Mitte, das viereckige durch Seile abgesperrte Kampfpodium, starren 15 000 Paar Augen - oder mehr noch - auf die einander umspringenden Boxer und ihre Stöße. Schon hat Wagener, den Breitensträter manchmal buchstäblich anspringt, zwei wuchtige Hiebe an - soviel ich erkennen kann - die Kehle bekommen. Da, etwa in der 19. Minute des Kampfes, kriegt er einen Magenstoß und blitzschnell im nächsten Augenblick einen schweren Kinnhaken und stürzt rücklings hin wie ein gefällter Stier. Alle Viere von sich. Bewußtlos. Die Augen geschlossen, das gesicht totenbleich. Er wird "ausgezählt". In der zehnten Sekunde bewegt sich langsam, traumhaft, sein rechtes Bein, das Knie hebt sich etwas, fällt aber wieder wie leblos zurück. Der umjubelte, umtoste Breitensträter hat schon längst seinen Lorbeerkranz, seinen Wald von Flieder, seine Millionenschecks, als Wagener noch immer bewußtlos daliegt und von vier starken Männern endlich aufgehoben, weggetragen und ins Leben zurückgerufen wird. Man muß immer wieder sagen: es ist eigentlich ein rohes Handwerk. Es kommt auch wohl erst auf je 100 männliche Zuschauer eine Dame.

  Und doch, und doch, - es liegt etwas Spartanisches in der Erziehung zum Boxen, denn es lehrt ja nicht nur Püffe auszuteilen, sondern auch zu ertragen, es macht "hart" gegen Faustschläge und Schicksalsschläge. Hans Breitensträter, der jetzt 26 Jahre alt ist, hat die beste Vorbereitung dazu als Schiffsjunge genossen. Er erzählt selber, daß er vorher leider in keinem Seefahrtbuche gelesen habe, wieviel Keile es da gebe: "Kein Mensch glaubt, wie so ein Matrose hauen kann, dem man zufällig im Wege steht, wenn er über die Reeling spucken will." Ich schreibe dem Boxen der Engländer einen guten Teil sogar ihrer weltpolitischen Erfolge zu. Vor Jahren war mir das nicht klar. Wenn der lange Ire Mister Kempling, der Ingenieur, morgens vor der Fahrt in die City erst mit meinem Schwager Konrad, der auch hinmußte, seine paar Runden boxte, dann in die Badewanne stieg und sich seine verquollene Nase kühlte, so fand ich das komisch. Noch komischer fanden es aber die Engländer, daß unter gleichen Umständen der normale Deutsche dieselbe Zeit mit der Schnurrbartbinde unter der Nase stillsaß und sich gar keine Bewegung machte. Hart werden, Püffe vertragen, mit keiner Wimper zucken, den Gegner schließlich knockout schlagen: das versteht der Engländer im Sport, im Geschäft, in der Politik. Und er kennt keinen Verständigungsfrieden und kein Angebotsgewinsel vor der Entscheidung.

  Natürlich kann man das Boxen auch nur von seiner lächerlichen Seite sehen, und es hat ja auch seine lächerlichen Seiten wie jede - Übertreibung. Wahrhaft zur Groteske gesteigert ist das in dem eben im Berliner Widder-Verlag erschienenen köstlichen "Meisterboxer" von Allemand Daudet (unter demselben Decknamen, aber lange nicht mit so souveränem Humor, hat der Verfasser vorher die Tartarin-Bücher herausgegeben), dessen Luxusausgabe mit den Illustrationen von Lutz Ehrenberger ein wirklich erlesenes Geschenk ist. Nicht etwa nur die Boxerei, sondern die ganze närrische Welt mit ihrem Völkerbund, Kurfürstendamm, Dollarwahnsinn, Filmfimmel, Behördenzopf, mit ihren Franzosen und Juden und Amerikanern und Deutschen und Chinesen kriegt hier solche Kübel voll Spottlauge über den Kopf, daß man eine Weile alles Elend vergißt. Schade, daß ich keinen reichen Erbonkel habe und ihm das Buch schenken kann; am selben Abend läse er es auf einen Sitz aus und am selben Abend hätte er sich totgelacht.

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"Bei mir - Berlin!"   (Jahrgangsband 1923/24)
Brunnen-Verlag / Karl Winckler / Berlin, 1924

Glosse 27 vom 6. März 1924


Hans Breitensträter nicht mehr Meister

  Berlin hat derweil andere Sorgen. Bis in die Pressezimmer der Müchener Infanterieschule kamen in der letzten Woche Eilbriefe geflattert, ob man nicht, da man sie nun doch nicht gebrauchen könne, seine Eintrittskarte zum Sportpalast herleihen wolle: o Gott, die Meisterschaft Deutschlands im Boxen werde ausgefochten, und nicht für 100 Mark sei mehr ein Stehplatz zu haben! Richtig, das hat man nun versäumt. Der blonde Hans, "unser" Breitensträter, ist im Titelkampf unterlegen. Das "blaue Band" hat Samson-Körner errungen; der Zwickauer hat über den Magdeburger gesiegt. Würden bei Faustkämpfen Wetten gelegt, so hätte ich diesmal auf Hans Breitensträter sowieso keinen Rentensechser gesetzt. Mir sind zum erstenmal Bedenken gekommen, als ich ihn noch gegen Morgen auf dem Presseball bei einer dickbauchigen Flasche sah; und zum zweitenmal, als er im Smoking auf dem Podium eines Vortragssaales stand und aus seinem Leben erzählte. Boxer sollen nicht in Literatur machen. Wenn sie den Ehrgeiz haben, in die "Gesellschaft" emporzusteigen, so sind sie schon keine Professionals mehr. Ich kenne einen anderen Meisterboxer in Berlin - natürlich nicht Schwergewicht, das war eben Breitensträter - der vielleicht auch seinen Titel nicht mehr lange behält. Er hat sich von einer Filmprinzessin kapern lassen, die ihren vergötterten Muskelmenschen mit Geschenken überhäuft, ihm einmal ein mit Brillanten besetztes goldenes Etui, ein anderes Mal ein funkelnagelneues Auto gestiftet hat; sie wird allmählich schon für den Muskelschwund bei ihm sorgen!

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Haste Worte?   (Jahrgangsband 1924/25)
Brunnen-Verlag / Karl Winckler / Berlin, 1925

Glosse 5 vom 16. Oktober 1924


Alles mümmelt - Die Boxkämpfe im Sportpalast - Breitensträter in Form

  Ganz Berlin mümmelt. Die nettesten jungen Mädchen gleichen auf einmal alle meiner verstorbenen Großtante, deren Kinnladen in den letzten achtziger Jahren ihres Lebens auch dauernd mahlten. Immerzu, auch wenn es gar keine Mahlzeiten gab. Als Junge dachte ich, daß nur zitterige alte Großtanten und wiederkäuendes Rindvieh mümmelten. Oder allenfalls Binnenländer auf der ersten Überfahrt übers Haff oder nach Helgoland; aus Angst vor Seekrankheit oder kurz vor ihrem Ausbruch. Aber was ist in die Zehntausende von Berlinern gefahren, daß sie ihre Kinnladen nicht stillhalten können?

  Es ist die große Amerika-Äfferei. Sie haben Kaugummi im Munde. Jeder dritte Straßenhändler hat Beech Nut auf seinem Wägelchen. Für 75 Pfennig gibt es fünf der kleinen weichelastischen Tafeln.

  Und so haben denn - mm, mm - alle Leute etwas zu kauen und zu lutschen und zu rollen und zu formen, und wenn man sie nach Beliebigem fragt, so spucken sie zwar nicht erst vor einem aus, wie der priemende Matrose, aber sie sprechen - mm, mm - mit etwas belegter Knödelstimme und lassen während des Sprechens die Zunge unentwegt kreisen. Auf einem Amerikadampfer, dem Presiden Grant, bin ich vor Jahren zum ersten Male in eine solche Wiederkäuer-Gesellschaft geraten und kann nur sagen, daß meine Eindrücke dabei ästhetisch unverwischbar waren. Ganz gleich, ob es sich um das Gesicht eines frischen jungen Mädels oder das eines alten Gelehrten handelt: der Anblick der rastlos und konvulsivisch bald hier, bald da aufgebeulten Maultaschen oder der Ober- oder der Unterlippe, dieses Brodeln und sozusagen Blasenwerfen irgendeines verdeckten Gerichts im Munde ist gräßlich. Aber das Smart-Amerikanische ist nun mal die große Mode und so stopft sich denn jedermann den "chewing gum" hinter die Zähne, saugt in den ersten zehn Minuten die ihm anhaftende Süßigkeit bis zum letzten Atom aus und wälzt den Rest, der weiter nichts ist als eine Art geschmacklosen Glaserkitts, stundenlang weiter zwischen Zunge und Gaumen und Zähnen. Ist eine Pause unumgänglich nötig, so kann man den Klecks - in Kugelform, in Würstchenform, in Hantelform, wie man ihn sich zurechtgedrückt hat - unter die Tischplatte kleben oder an die Reeling; und in Augenblicken der Gefahr meinetwegen den Kaugummi als Faden abhaspeln und sich wie eine Spinne daran aus dem Fenster des zweiten Stocks auf die Straße niederlassen . . .

  Das lächerlichste ist, daß alle diese Menschen - mm, mm - sich als Sportsleute vorkommen, denn in den Zeitungsreklamen steht ja, daß beim Sport Beech Nut unentbehrlich sei. Kaue nur feste, dann siegst du. Vor allem aber - mm, mm - kaue, wenn du als Zuschauer dabei bist, dann denkt vielleicht jemand, du seist auch einer vom Bau.

Was ich dazu denke, das sage ich nicht.

  Jedenfalls kauten beim letzten Meisterboxen im Sportpalast links und rechts von mir die Männer und Frauen Berlins so intensiv, daß sie das Opernglas nicht ruhig halten konnten. Das wird mit der Zeit freilich sich wohl noch bessern. In Deutschland wird ja alles methodisch von Grund auf gemacht. Also werden wir neben den freundlichen Damen, die in ganz Berlin W jetzt davon leben, daß sie der Menschheit das Mah-Dschong-Spiel "mit allen Finessen" beibringen, demnächst wohl auch Kaugummilehrer - oder vielmehr Gummikaulehrer - bekommen.

  Die Gefahr, daß jemand in plötzlicher Erregung das Gummiknäuel verschluckte und sich so die Kehle verkittete, war während der diesmaligen Boxerei zum Glück nicht groß, denn es verlief alles unentschieden und es gab keinen Knockout, um dessentwillen allein doch die annähernd 10 000 Menschen hingehen. Der Menschendunst, der Fieberdunst ist dementsprechend. Aus dem Dunkel der Riesenhalle steigen die Schwaden auf und schwälen vor dem grellen Bogenlicht in der Mitte über dem Boxerring. In den einleitenden Kämpfen sieht der Berliner Kulturmensch von 1924 wenigstens rohes Fleisch. Einem Boxer wird die Temporalis angeschlagen und die Gegend der linken Augenbraue aufgerissen. Sein Gegner hat schon im zweiten Gange eine blutiggeschundene linke Schulter. Ein paar junge "Damen" im Parterre, Block A, lecken sich tiefbefriedigt die Lippen. Das ist Natur, nicht etwa Dekadenz und Perversität. Es ist der ewige Unterschied der Geschlechter. Wenn die Geliebte sich auch nur den Finger ritzt, dann hat der Jüngling schon beinahe Tränen in den Augen. Wenn das Mädchen aber den Jüngling so recht lieb hat, dann sagt es: "Ich möchte dich zerfleischen!" Ich begreife es nicht, daß Männer, die diesen grausamen Kätzcheninstinkt doch kennen, ihre Mädchen zu dem Boxkampf in den Sportpalast schleppen können; ich möchte wetten, daß manch eine, als gerade Hans Breitensträter von Cook einen Leberhaken versetzt bekam und auf eine Weile niederging, sich so in den Nachbar gekrallt hat, daß er als Nichtboxer und friedlicher Zuschauer doch mit blauen Flecken heimging. Gegen früher auffallend viel weibliche Zuschauer sieht man diesmal. Soweit sie nicht durch Gummikauen an lebhafter Meinungsäußerung verhindert sind, beteiligen sie sich auch an Beifall und Pfeifen und Zwischenruf. Wir sind, heißt es, kühle Nordeuropäer. Unsere Frauenwelt bedarf nicht der strengen Abschließung, wie sie im Süden üblich ist. In Sizilien darf eine Dame nicht einmal allein in die Konditorei gehen, sondern läßt auf der Straße halten und sich die Portion Eis an die Droschke bringen. In Andalusien können nicht einmal zwei Freundinnen gemeinsam ohne männliche oder Dienstbotenaufsicht das Theater besuchen. Dafür geben sie sich um so leidenschaftlicher aus, wenn sie etwa beim Stiergefecht sitzen, wo sie hingerissen dem Matador oder - dem Stier zujubeln.

  In der Abschließung machen wir es dem Süden nicht nach, aber allmählich in der Leidenschaft. Besonders, wenn der blonde Hans, der goldbeschopfte Breitensträter, dabei ist. Er hat sich wieder herausgepaukt. Er hatte im vorigen Winter offenbar nicht ganz trainingsmäßig gelebt, so daß er den Titel als Schwergewichtsmeister gegen Samson-Körner verlor. Jetzt ist er wieder im Kommen. Er hat gegen den australischen Preisboxer Cook "gut durchgestanden". Mit geblähten Nüstern warten die Berliner "Damen" auf sein voraussichtliches Zusammentreffen mit seinem Besieger aus der vorigen Saison, das von ungeheurer Wucht zu werden verspricht. Man sieht, wie hart der Liebling der Berliner inzwischen geworden ist. Beim Clinch hält er ganze Serien von Herz- und Magenpüffen aus. Er ist so hart, wie es die englische Nation in einem Kriege zu sein pflegt.

  Im vorigen Winter hat Breitensträter, der doch unsere große Hoffnung auf "internationale Klasse" ist, nicht nur sehr fidel bis in die Nacht hinein mit Frau und Schwiegervater auf dem Presseball etlichen Pullen die Hälse gebrochen, sondern sich auch am Vortragspult für seine weibliche Anhängerschaft versucht. Offenbar kennt er nicht den guten Rat Goethes: "Bilde, Künstler, rede nicht!" Kunst verlangt Könner; und wessen Kunst nachläßt, der fängt eben zu reden an.

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"Mecker' nich!"   (Jahrgangsband 1925/26)
Brunnen-Verlag / Karl Winckler / Berlin, 1926

Glosse 41 vom 24. Juni 1926


Dieners Sieg in der Boxmeisterschaft

  Noch zwei Tage vor dem Volksentscheid ist alles Interesse dafür, auf die Dauer eines Tages, wie weggewischt, denn da hält ein viel wichtigeres Ereignis die Bevölkerung in Atem, da gibt es den "Entscheid" über die deutsche Boxmeisterschft der Schwergewichte. An die 16 000 Menschen fiebern im großen Oval der Treptower Radrennbahn, weitere Tausende harren vor den Toren auf die erste Nachricht über den Sieger, viele Zehntausende in ganz Berlin warten zu Hause am Rundfunk oder in der Kneipe darauf.

  Das muß man ja sagen: es ist phantastisch schön. Das Menschenmeer in tiefem Dunkel, leise grollende Brandung, darüber der nachtschwarze Himmel, in der Mitte aber fast überirdisch hell "der Ring", das viereckige Kampfpodium zwischen den Seilen; vierzehn Bogenlampen eng aneinander machen die Boxerleiber marmorweiß, beinahe durchsichtig. Es sind stattliche große Kerle, dieser Samson-Körner, dieser Diener, und wenn sie rund 84 und 87 Kilo wiegen, so ist doch kein Lot Fett dabei, sondern nur Knochen und Muskelstahl. Samson-Körner, der bisherige Meister, der erprobte, 38 Jahre alt.

  Sein Gegner Diener, der das "blaue Band" erkämpfen will, nur 24 Jahre. Er hat nicht solche Muskelgebirge wie der Alte. Er hat auch noch nicht eine so zertrümmerte Sattelnase, auch wenn sie schon reichlich plattgeschlagen ist; alle diese Boxer haben etwas Negerhaftes. Die vorhergegangenen Kämpfe leichterer Gewichte haben keinen Niederschlag gebracht, sondern nur Entscheidungen je nach der gezeigten Technik, nun aber hält man den Atem an, nun stockt schier das Herz, denn unter einem sinnverwirrenden Hagel von Hieben - Herzschlag, linker Schwinger, Kinnhaken, Kinnhaken, Kinnhaken - muß Samson-Körner gleich im ersten Gange zu Boden, der Ringrichter zählt 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, - da erhebt sich taumelnd der Koloß, ehe die 10. Sekunde, die die Niederlage besiegelt, verkündet wird, stellt sich wieder zum Kampf, alles denkt, daß er nun knockout geboxt wird, aber da ertönt der Gong: die 3 Minuten der ersten Runde sind vorüber. In der zweiten ist es ähnlich. Wieder muß Samson-Körner nieder; aus einem großen Riß über dem rechten oberen Augenhöhlenrand trieft das Blut ihm über das Gesicht. Aber dieser eiserne Stier ist ungeheur "hart" im Nehmen, er ist nicht unterzukriegen, sein Herz arbeitet ruhig und kräftig weiter, wie in der Skagerrakschlacht unter den Granataufschlägen die Maschinen der deutschen Panzerschiffe, er erholt sich sogar sichtlich im Laufe des Kampfes.

  Die Menschenbrandung donnert um ihn her. Er hat alle Sympathien für sich, auch derjenigen Zuschauer, die für den jungen Gegner voreingenommen waren. Dieser, der Schlächtergeselle Diener aus Bibra in Thüringen, bleibt in den weiteren Gängen seiner forschen Angriffstaktik treu, ist aber vom vierten Gange an auch stark behindert; bei einem Zusammenstoß der beiden Schädel ist ihm das rechte Auge völlig verquollen, so daß er nur noch mit dem linken sehen kann. Sein Trainer, der Türke Sabri Mahir, wirft sich in der Pause über ihn, küßt ihm das Blut weg, saugt es ihm ab, - nun fängt die Geschichte an fast widerlich zu werden. Samson-Körner hält sich bis zur letzten, der 15. Runde, prachtvoll, kann aber den Punktverlust nicht mehr aufholen: Diener wird als neuer Meister ausgerufen und bekränzt und umarmt und gefilmt. Die "größere Börse" ist sein. Mindestens 25 000 Mark kann wohl Sabri Mahir für ihn kassieren und nun mit ihm nach Amerika fahren, wo sein Schützling den letzten Kampfschliff erhalten soll, um "internationale Klasse" zu werden. Zwei Tage nach dem Kampf sitzt Diener schon zurechtgeflickt und abgeschwollen in einer Tanzbar. Mein Gott, 24 Jahre! "Wein, Weib und Gesang entsagen, mag ganz gut sein," sagt er, "aber vorläufig baue ich nur mit Gesang ab!" Im übrigen hat er wenig zu sagen. Über sein Heim und seine Liebhabereien lassen sich nicht Feuilletons schreiben. Er futtert tüchtig, wie eben alle Schlächtergesellen es gewohnt sind, er übt sich tüchtig, dieses aber nur am Vormittag; nachmittags wird Billard gespielt, abends wird getanzt. Er hat keinen gelehrigen Piepmatz wie Breitensträter, er züchtet nicht seltene Blumen, er liest keine Bücher, er ist ein ganz animalisches Wesen und, nehmt alles nur in allem, eben der Meisterboxer von Deutschland. Also das Objekt der Begeisterung von Hunderttausenden, die vielleicht "Nie wieder Krieg!" brüllen, aber an lädierten Kinnladen ihre Berserkerfreude haben.

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Klamauk muß sein!   (Jahrgangsband 1927/28)
Brunnen-Verlag / Karl Winckler / Berlin, 1928

Glosse 2 vom 22. September 1927


Olympiade der Ringer

  Wie man's auch macht, macht man es falsch, sagen sich verzweifelt auch die Theaterleiter. Immer ist nur eine Partei zufrieden, begehrt die andere Partei dagegen auf. Die Parteien haben Ziele, die Nation hat kein Ziel. Es ist zur Zeit nichts denkbar, was einhellige Begeisterung erregen könnte.

Oder doch? Der Sport?

  Im Schweiße seines Angesichts eröffnet der Oberbürgermeister, soweit der Kampf gegen Schwarzweißrot ihm Zeit dazu läßt, neue Sportplätze. Leider nur gibt es nicht in demselben Tempo neue Wohnungen. Der jungverheiratete Arbeiter, der ein menschenunwürdiges Loch in Aftermiete bewohnt, benutzt den Feierabend nicht dazu, um mit der Straßenbahn zum nächsten Sportplatz zu fahren, sondern geht in die nächste Kneipe. Allenfalls man in den Sportpalast zu irgend einem Wettkampf. Radfahren. Boxen. Da sieht er seine Lieblinge. In der guten alten Zeit, und noch bis in unsere Tage hinein auf manchen Rummelplätzen, waren es die Ringer. Wahre Kolosse von Menschen, mit Muskelgebirgen, mit Speckalpen; wenn so einer, ein Mann von vielleicht drei Zentnern Lebendgewicht, sich auf einen warf, dann konnte man es schon verstehen, wenn "die Brücke durchgedrückt" wurde und man mit beiden Schultern auf den Boden krachte. Das Ringen ist in den letzten Jahrzehnten stark in Mißkredit geraten. Man sagt, der Grund sei der, daß nicht "reell" gekämpft wurde, sondern fast immer nach vorheriger Vereinbarung, unter Teilung der Kasse.

  Jetzt in diesen Wochen, wo im Berliner Sportpalast "die Olympiade der Ringer" ausgefochten wird, habe ich den Eindruck, daß auch das Gesellschaftliche dabei eine Rolle spielt. Die Manager sind unbeholfen und ungebildet, sie können schon im Programm die Ringer nicht richtig nach ihrer Herkunft registrieren. Da heißt es von einem, er sei aus Deutschpolen. Wo in aller Welt gibt es ein Deutschpolen? Dieser Mann mit polnischem Namen, Pinatzki, ist in Wirklichkeit Berliner. Die Ringer selbst sehen nicht so aus, was wir verstehen und freudig begrüßen würden, als ob sie etwa dem ehrsamen Stande der ehemaligen Bierkutscher entspringen, sondern machen mit ihren vielfach tätowierten Armen und Brüsten eher den Eindruck, als wenn dunkelstes St. Pauli ihre Urheimat sei.

  Der Sportpalast ist gähnend leer. Das spärliche Publikum lacht, wenn etwa der Tscheche Prochaska, ein wahres Nilpferd, in der Arbeit schnauft und flucht oder gar seinem Gegner eine runterhaut. Aber doch begreife ich es, daß Bildhauer seit jeher zu den Ringkämpfern gewandert sind. Man sieht doch mitunter ganz prachtvolle Muskulaturen und das Spiel der Bänder sozusagen unter der Zeitlupe, nicht so blitzschnell und unfaßbar wie bei den Boxern. Das "richtige", schulmäßige Ringen ist ja nicht nur schwere Wucht und rohe Masse, sondern ebenfalls Behendigkeit. Man ist erstaunt, wenn man sieht, daß Zweizentnermänner aus der Rückenlage plötzlich wie ein Fisch emporschnellen oder mit einem Satz in der Luft sich überkugeln. In alten Zeiten waren die Ringkämpfer ein wohlorganisierter Stand, Julius Cäsar ("laßt wohlbeleibte Männer um mich sein", läßt der ahnungsvolle Shakespeare ihn sagen) veranstaltete häufig Ringkämpfe, und Kaiser Diocletian gab den Ringern sogar Steuerfreiheit. Heute ist dieser Sport nur noch in Amerika in der Öffentlichkeit sehr geschätzt. Dort hat der Deutsche Richard Schikat seit Jahr und Tag nur noch Siege über die stärksten Männer aller Nationen zu verzeichnen. In Deutschland gibt man sich erst jetzt wieder alle Mühe, das Ringen aus seiner Deklassierung zu befreien, und in der Deutschen Hochschule für Leibesübungen, wo geschmeidige Jünglinge es formvollendet ausüben, sieht man es auch gern.

  Ewig jung bleibt es, kombiniert mit regellosem Faustkampf, natürlich bei unseren Buben. Auf jedem Schulhof. Auf der Straße vor jedem Schulhaus. Und nachmittags auf den Spielplätzen. Da messen sich Kraft und Gewandtheit, und der Pazifismus hat das Nachsehen.

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Glosse 5 vom 13. Oktober 1927


Box-Meisterschaften

  Wir jubeln fremden Kriegshelden zu. Unsere eigenen werden beschimpft. Aber die Sporthelden sind dafür unser Ersatz.

  Sie sorgen für die nötige Erregung eines Abends, einiger Tage, bestenfalls einer Woche. Als Könnecke zum Weltflug nach Osten startete, hatten die Telegramme zahllose Buchstaben. Die halbe erste Seite der Berliner Zeitungen war voll davon. Jetzt stehen auf der linken Seite zwei Petitzeilen: Könnecke sei, von Basra kommend, in Bender Abbas gelandet. Und das Publikum fragt sich: Könnecke, Könnecke, wer war doch gleich dieser Könnecke? Etwas besser behält man noch die Namen der Faustkämpfer; denn die "Meisterschaft" von Deutschland unter dieser Sorte Sporthelden wechselt nicht alle Tage. Am Dienstag fieberte wieder einmal ganz Berlin im und vor dem Sportpalast, ganz Deutschland am Rundfunk. Wer von den Schwergewichtlern wird siegen, Wagener oder Diener? Wenn der Rundfunk getreulich das wiedergegeben hat, was ich im Sportpalast hörte, dann hat es in ganz Deutschland ein greuliches Zisch-, Pfeif- und Heulkonzert gegeben. Wagener und Diener fochten nicht, sondern deckten sich. Marke Sicher. Auf jeden Fall stehen 30 000 Mark Honorar für beide fest. Sache. Immerhin mitzunehmen. Sogar die Zuschauer auf den ersten Plätzen, der Sitz zu 35 Mark, pfiffen schließlich mit, nachdem die Galerie angefangen hatte, pfiffen auch den mit verquollenen Augen dastehenden "Sieger" Diener aus, als er nachher mit der blauen Schärpe um den Leib photographiert wurde.

  Die Erregung aber war vorher groß. Die "Fachmänner" in Schiebermütze ereiferten sich, die "Spießer" mit schweißiger Glatze redeten darein.

"Wat sagense, mit seine Reichweite muß et Rudi Wagener schaffen, sagense? Er hat doch nicht die Reichweite von Ihr Maul! Sie können woll Bananen quer fressen?"

"Mensch, ham Sie 'ne Ahnung! Wenn der Rudi mit sein Feichten nur rausjeht, denn kann er Dienern mit'n Daumen uff eene Stulle schmieren, vastehnse!"

"Redense keen Mülleimer voll! Bloß een Leberhaken, denn atme ick Ihnen ein, Ihnen mit Ihr janzet Fachverständnis, un jleich hinnerher nehm' ick Rhizinus!"

  Es ist schon gut, daß oben überall Schutzleute im Hintergrunde stehen. Das wirkt besänftigend. Und schließlich ist man bei der 15. Runde sowieso einig. Nämlich in der Überzeugung, daß beide Kämpfer die Zuschauer sozusagen betrogen hätten. Nur immer das ewige Tänzeln und Sichducken! Kein Niederschlag, kein Blut, kein herausgefeuerter Backzahn, pfui Deibel! Und beim letzten Kampf des Abends, dem der Fliegengewichtler um die Meisterschaft, erneut sich das Pfeifen und Heulen. Da aber richtet es sich nicht gegen die Fechter, diese schlanken und angriffslustigen Buben von 100 und von 96 Pfund, die beide wirkungslos, aber "mit besten Absichten" sich ohrfeigen und in die Seiten hämmern, sondern gegen den Ringrichter. Der Richter im Ring, Pippow, hat bei den Umsitzenden schon von vornherein Befremden erregt, weil er, der Unparteiische, den einen der Kämpfer, Harry Stein, besonders herzlich mit "Also, go on, Harry!" begrüßt hat. Dessen Gegner, den kleinen blonden Kohler, das fixe Kerlchen, behandelt er dagegen ganz anders, reißt ihn einmal sogar scheinbar roh zurück. Und rügt nicht Steins unkommentmäßige Nachhiebe. Kompliziert wird die Angelegenheit dadurch, daß der bisherige Inhaber des Meisterschaftstitels im Fliegengewicht, Harry Stein, ein Makkabäer ist, und da wittert die Galerie Unrat. "Wieviel Prozente bekommt der Ringrichter von Stein?", schallt es von oben herunter. Pippow wird blaß, wird noch nervöser; eine derartige Verdächtigung aus dem namenlosen und unfaßbaren Publikum heraus ist allenfalls bei Ringkämpfen oder Radrennen gelegentlich lautgeworden, aber noch kaum je beim Boxkampf. Nun verliert auch Kohler, dem der Sieg nach Punkten sicher ist, seine Fassung, als Stein einen verbotenen Genickschlag anbringt und wieder nicht verwarnt wird: in der dreizehnten Runde wirft Kohler voll Knabentrotz den Kopf zurück, erklärt, er fechte unter diesem Ringrichter nicht weiter, und wird deswegen disqualifiziert.

  Ein mißvergnügter, ein quälender, ein verlorener Abend, sagen sich auch die Damen in kostbaren Pelzen auf den 35-Mark-Plätzen. Nur einen einzigen Moment der Erregung hat es gegeben. Auch der Kampf um die dritte hier ausgefochtene deutsche Boxmeisterschaft wird vorzeitig abgebrochen. Der Titelinhaber Grimm hat dem Herausforderer Sahm einen Tiefschlag versetzt, einen Fauststoß in die Hoden. Grimm wird seines Titels für verlustig erklärt, der vor Schmerz zusammengesunkene Sahm weggetragen. Nun vibrieren den Damen die Nüstern.

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Piept es?   (Jahrgangsband 1929/30)
Brunnen-Verlag / Karl Winckler / Berlin, 1930

Glosse 2 vom 12. September 1929


Charles gegen Diener

  Gewiß, auch der Berliner wirft manchmal Geld hinaus. Aber nur, um seiner Sportfreude zu frönen. Irgendwie will man doch die Sehnsucht befriedigen, Heldentum zu erleben. Zum Boxkampf Charles-Diener gingen 35 000 Menschen ins Poststadion.

  Leider auch ich. Zum Wettrasen der Wasserflugzeuge um den Schneiderpokal sind vor Cowes anderthalb Millionen Menschen erschienen; da sind unsere 35 000 bei dem Boxkampf um die Europameisterschaft doch nicht unbescheiden, nicht wahr? Wer etwas sehen konnte, und nicht viele konnten das, der hat gesehen, wie der baumlange Belgier Charles, an den Diener kaum herankam, seinen linken Arm wie einen Schlagbaum ausstreckte. Diesen Schlagbaum beroch Diener und kriegte dann immer ein paar mit der Rechten. Das ist höchstwahrscheinlich sehr unfachmännisch gesprochen. Ich könnte ja auch von Uppercuts und Clinch erzählen, von Leberstößen und Herzmassage, bis endlich Diener zusammenkrachte, emportaumelte und wieder niedergeschlagen wurde. Ich weiß es zum Teil nur vom Hörensagen. Meist sah ich nur den Tschako eines Schutzmannes. Ich selber stand nicht, saß auch nicht auf einem Stuhl, sondern kauerte zwischen den Beinen eines Sitzenden. Der hatte diesen Platz nicht bezahlt, aber eben eingenommen, und "da stehste machtlos visavis". Tausende von Plätzen waren vertauscht, das ganze Unternehmen schlecht aufgezogen, kein Ordner wußte Bescheid. Für Berlin, abgesehen von dem gut eingearbeiteten Stadion im Grunewald, sind eben 35 000 Sensationsgierige noch zu viel.

"Wo ist der Platz für die Presse?" frage ich.

"Se ham ja Platz für ihre Fresse!" antwortet einer.

  Er sitzt auf einem Platz für 25 Mark, die er natürlich nicht bezahlt hat. Während eine riesige Wagenburg von Autos sich Schritt für Schritt vorschob, der Boxkampf schon begonnen hatte, war ein Tor von Zaungästen gestürmt worden.

  Was wird dort im Ring verkündet? Was ruft da der Schiedsrichter? Ich verstehe nichts davon. Ich höre immer nur: "Eskimo-Eis! Belegte Brote! Warme Wiener!" Das ruft links von mir jemand, Und vor mir: "Bier gefällig?" Und hinter mir: "Drops, Nußstangen, Keks, Schokolade!" Das sind sozusagen dienstliche, amtliche Zurufe, obwohl es allen diesen Magenhausierern verboten sein sollte, während der Vorführung den Mund aufzutun. Aber nichtamtlich, nichtdienstlich, wird noch viel mehr gebrüllt. "Feste, Diener, kleb' ihm eine!" kräht fortgesetzt eine junge Frau in meiner Nähe, und hunderte, nein, tausende kreischen nur den Namen von Diener oder Charles, während andere pfeifen, weil sie "wieder einmal" einen Genickschlag oder Nierenschlag, also Verbotenes, gesehen haben wollen.

  Ein entgleister Viehzug ist nichts gegen dieses Gebrüll. Und das alles am Abend, bei mangelhafter Beleuchtung des riesigen freien Platzes, in dem nur der "Ring" in der Mitte kalkweiß aufleuchtet. Im Dunkeln ist nicht nur gut munkeln, sondern auch gut Radau machen. Das ist Feez, das ist Volksfest. Krankenträger kommen und bringen einen weg. Frauen sinken ohnmächtig zusammen. Männer streiten um die Chancen.

"Wat, Scharles? Der Lulatsch?"

"Denkste, Diener? Der Ölkopp?"

Es ist doch etwas Schönes um ein Volk, das von Begeisterung erhoben wird.

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Glosse 39 vom 28. Mai 1930


Hallo, Max! - Das drahtlose Wunder

  "Hallo, hier Frau Schmeling, Berlin! Ist dort Newyork? Max! Max! Trainierst du fleißig für dein' Kampf? Hallo, Max! Ich verstehe dich nicht! Max! Hallo, Max! Hier Frau Schmeling, Berlin!" "Ja, Mama? Wie geht es dir?"

"Hallo, hier Frau Schmeling, Berlin! Max! Max! Wie geht es dir gesundheitlich? Alle Freunde sind hier bei mir und lassen grüßen. Hallo, Max! Max, bist du da? Hallo, Max! Trainierst du fleißig für dein' Kampf? Hallo Max!"

  Dieses Zwiegespräch setzt sich so ähnlich noch einige Minuten fort.
Dazwischen greift in behaglichem, verständlichem, deutlich akzentuiertem Schwäbisch der Mann vom Stuttgarter Sender ein und vermittelt zwischen Newyork und Berlin. Max solle reden, immerfort reden, damit man die Lautstärke abstimmen könne; es sei ganz gleichgültig, was er rede, nur reden, dann werde seine Mutter ihn nachher um so besser verstehen.

  Dem armen Max fällt aber gerade nichts ein. "Bilde, Künstler, rede nicht!", sagt schon Goethe; und Max Schmeling weiß praktisch mit Kinnhaken, rechtem Schwinger, Uppercut, linker Geraden, Lebermassage und Hieb auf den Solarplexus besser Bescheid als mit diesem verdammten drahtlosen Gerede. Er bringt zwar hin und wieder noch ein paar Worte heraus, aber sie sind nicht gerade besondere Literatur. Immerhin: es ist doch eine tolle Sache, daß wir da zuhören können, wie zweie zwischen Newyork und Berlin sich unterhalten. Statt Newyork könnte es auch Buenos Aires oder Melbourne oder Bangkok sein. Man kommt sich schon fast wie der liebe Gott vor, der durch dickste Mauern und schwärzeste Nacht einem in das Herz sehen kann. Es ist höchst erstaunlich und ein bißchen rührend.

  Nach der Verblüffung durch solch ein Husarenstückchen der Technik kommt nur wieder der Alltag. Da hören wir, wie alltäglich der Rundfunk ausgenutzt wird, um uns im Novembersinne zu beeinflussen. Im Programm steht: aktuelle Stunde. Wer sie mit uns abhalten will und worüber, das erfährt man vorher nicht.

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Das sowieso!   (Jahrgangsband 1930/31)

Glosse vom 16. Juli 1931


Max Schmelings Empfang

  Dazu ist nun auch der Deutsche Max Schmeling jetzt in Amerika Boxweltmeister geworden, was auf die Massen noch mehr Eindruck macht, denn dieser angelsächsische Nationalsport ist bei uns noch keine zwanzig Jahre alt. Germans fassen schnell auf.

  Als stämmiger kleiner Kerl von 12 Jahren - jetzt ist er 26 und ein Riese - war Schmeling Laufbursche in einer Hamburger Apotheke. Schon damals wagten sich andere Jungen nur an ihn heran, wenn sie als ganze Horde über ihn kamen. Sie alle übermochte Max; aber er war nie roh, sondern immer, wie sein damaliger Chef erzählt, freundlich-diszipliniert. In harter Selbstzucht ist er geworden, was er ist. Nun ist er für die Berliner, deren Landsmann er abgesehen von der Hamburger Episode ist, das große Wundertier. Das ist doch der Mann mit den Dollars! Er hat wieder 132 000 Dollars gemacht. An die 8000 Zuschauer, meist aus dem kleinen Volk, erwarten ihn im Berliner Flughafen, der schon die festliche Ankunft Köhls und des Freiherrn v. Hünefeld, Elli Beinhorns, des "Grafen Zeppelin", der amerikanischen Erdumflieger sah.

  Es gibt auch Skeptiker unter dem Publikum, die über "Heldenverehrung" eine abweichende Meinung haben.

  Als der Ansager durch den Lautsprecher verkündet, der "große Moment" sei da, das Flugzeug mit Schmeling an Bord erscheine am Horizont, da lachen sie. Aber das "Heilmax! Heilmax!" der Menge übertönt sie. Ein Vater hebt seinen Jungen auf die Schulter: "Siehst du, der große Schwarze, der da oben steht, das ist Maxe!" Frauen und Mädchen steigen auf die Stühle, schreien Hurrah und wedeln mit Taschentüchern. Schmeling spricht ein paar nette, bescheidene Worte in das Mikrophon. Dann stürzt eine Kavalkade von Hunderten von Fahr- und Motorrädern los, um noch einen Blick auf den im Auto abfahrenden Weltmeister zu werfen.

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Nun wenn schon!   (Jahrgangsband 1931/32)
Brunnen-Verlag / Karl Winckler / Berlin, 1932

Glosse 8 vom 22. Oktober 1931


Länderboxkampf Amerika-Deutschland - Masse Mensch - Der Nigger - Vom Gassenhauer zum Schlager

  Ganz ohne "Helden" können auch die Heutigen nicht leben. Da sucht man sie halt auf der Flimmerleinewand oder im Boxring.

  Der Sport jeglicher Art nimmt heute in den Zeitungen beinahe schon mehr Spalten in Anspruch als die Politik und findet auch im Publikum von Tag zu Tag mehr - ja, was denn, Ausübende? - ach nein, sachverständige Zuschauer. Man kann in den Berliner Sportpalast in der Potsdamer Straße fast 10 000 Leute hineinpfropfen, wenn wirklich jedes Plätzchen ausgenutzt wird. Aber ihrer 15 000 wollten am vorigen Montag hinein, um den Länderkampf im Boxen der Amateure zwischen Amerika und Deutschland mit zu erleben. Von der Kreuzung Bülowstraße an ein tosendes Meer. Schon 60, 40, 20 Meter vor dem Sportpalast drei Schutzmannsketten, die nur noch Inhaber von Eintrittskarten durchschleusen. Sonst wäre es am Eingang nicht ohne gefährliche Quetschungen abgegangen.

  Der Ring - das durch Seile abgesperrte viereckige Kampfpodium in der Mitte des Riesensaales - liegt im kalkweißen, stechenden Licht der Jupiterlampen. Ringsum in qualmender Nacht - kein Kämpfer kann auch nur ein Gesicht unterscheiden - die wogende Masse Mensch.

  Da im Ring steht man wohl wie vor dem Jüngsten Gericht.

  Zehntausend Ankläger im Dunkel. Ein Murren, ein Grollen, ein Scharren, ein Klatschen erzwingt den Anfang. Zehntausend Menschen, die dafür bezahlt haben, wollen Dein Blut sehen. Was, Du zitterst? Sie werden Dich zerreißen! Zehntausend Ankläger belauern jede Miene.

  Nach der amerikanischen Manier in Stepschritt tänzelnd, die Hände hoch über dem Kopf erhoben und verschlungen, kommen die amerikanischen Gladiatoren herein. Die Artisten. Gemessen, in militärischem Gleichschritt, ohne Armgejubel und nachher nur mit linkischer Verbeugung, nahen die Deutschen. Die Kämpfer.

  Vorstellung durch Lautsprecher. Die beiden Nationalhymnen. Aufnahmen für die Bilderblätter.

  Man hat es hier schon erlebt, daß die Galerie die Marseillaise bejubelte, das Deutschlandlied auspfiff. Inzwischen hat man etwas Benehmen gelernt. Einmütig rauscht alles bei den Nationalhymnen von den Sitzen empor und steht barhaupt. Das Publikum ist nicht etwa "besser" geworden. Mehr denn je ist es eine Menge von kurzstirnigen Spießern, die ihre blutigen Urinstinkte abreagieren wollen, Männer der Faust vielleicht mehr in der Theorie als in der Praxis. In den Krieg würden sie sich freiwillig nicht melden, allenfalls hinter Barrikaden Aufstellung nehmen, wenn sie dort die kommende Mehrheit vermuten. Und sicherlich dabei sein, wenn ein Einzelgänger zerfleischt wird. Wir dürfen uns darüber nicht täuschen: neun Zehntel der Besucher treibt nicht Sportbegeisterung her, sondern die - vielleicht unbewußte - Grausamkeit, die auch bei Stierkämpfen oder bei Hahnenkämpfen eine volle Arena macht. Die Masse Mensch ist unerbittlich. Einen schlechten und unterliegenden Gladiator, einen unsicheren Ringrichter kann sie niederhöhnen, niederdröhnen, daß er überhaupt die Welt nicht mehr versteht.

  Scheu duckt sich in dieser Menge der Intellektuelle oder der nur Erkenntnishungrige, denn ihm erscheint sie als das Unvolk. Das ist dieselbe Menge, die es durch ihre Gesetzemacher durchdrückt, daß die Schlägermensur mit Gefängnis geahndet, das viel lebensgefährlichere Boxen aber verherrlicht wird. Ich habe nichts gegen diesen, nicht gegen jenen Sport, auch nichts gegen das halsbrecherische reine Artistentum im Zirkus, nur bin ich für gleichmäßige gesetzliche Behandlung. Man sollte diese Zehntausend auch ruhig einmal eine Mensur sehen lassen; vielleicht änderten sie dann ihre Meinung. Es sind fast durchweg Männer, fast durchweg aus dem arbeitenden Stande, wie verloren sieht man nur hier und da, eine auf hundert, eine Frau, ein Mädchen, eine Dame, während noch vor einigen Jahren das weibliche Geschlecht bei Boxkämpfen viel stärker vertreten war. Da sah man den Nervenrausch, das Züngeln, die lustvoll aufgerissenen Augen.

  Bei den Kämpfen der Berufsboxer geht es härter zu. Von Breitensträter, Samson-Körner, Schmeling und den anderen sind wir 15 Runden zu je 3 Minuten gewöhnt, hier sind es bei den 8 amerikanisch-deutschen Paaren nur je 3 Runden, außerdem sind es hier wohlgepolsterte 8-Unzen-Handschuhe, während die Professionals mit Handschuhen von nur 4 Unzen boxen.

  Die Aussicht auf knockout, auf Niederschlag, die Aussicht darauf, daß ein Zermürbter, blutig Gehauener im 4. oder 6. oder 14. Gang nach einem Kinnhaken besinnungslos zusammenbricht und länger als zehn Sekunden wie ein gefällter Stier daliegt, "ausgezählt" wird, ist hier viel geringer. Der Sieg wird nach Punkten bewertet, also die bessere Technik oder das stärkere Draufgängertum gekrönt. Ganz herrlich in dieser Beziehung das Treffen im Bantamgewicht, wo der Münchener Ziglarski mit dem Newyorker Beloise sich mißt, beide blitzschnell wie ein Wirbelwind um einander her und beide doch wuchtig, bis der Amerikaner, der bisher von 76 öffentlichen Kämpfen nur einen verlor, als der Besiegte erklärt wird, herrlich in seiner Art auch das Treffen im Schwergewicht, wo der Kölner Kurth, in seiner Figur eher ein feister Ringer als ein Boxer, durch die Schnelligkeit und furchtbare Härte seiner Schläge überrascht und den Uniontowner Cravotte schon in der ersten Runde so "groggy" macht, daß dieser taumelnd immer wieder zu Boden muß und der Ringrichter den völlig Benommenen und nunmehr Kampfunfähigen als erledigt erklärt.

  Trotzdem pfeift die Galerie. Der deutsche Sieg - mit 10:6 gewinnen die Deutschen den ganzen Länderkampf - ist ihr nichts. "Gerechtigkeit muß sein!" Und der Amerikaner sei technisch besser gewesen. Der Deutsche "nur" stärker.

  Die Galerie hat überhaupt ihre eigene Meinung und ihre eigene - Sentimentalität. In der amerikanischen Mannschaft befindet sich auch ein Neger, der erst siebzehnjährige Hough aus Newyork, mit für einen farbigen bemerkenswert gut modellierten Beinmuskeln. Er ficht gut und er ficht nicht mit verzerrtem, sondern ganz unbeweglichem Gesicht. Er hat es schwer, denn von den weißen Amerika-Kameraden wird er sozusagen ausgefroren. "Der Nigger stinkt", sagen sie. Aber die deutsche Galerie, die marxgetreu für die Gleichheit alles dessen eintritt, was Menschenantlitz trägt, überschüttet ihn mit tosendem Beifall. Uns wird es ein bißchen übel dabei. Man ist nun einmal nicht voraussetzungslos.

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Glosse 41 vom 23. Juni 1932


Dreidimensionaler Sport - Nächtlicher Rundfunk - Schmeling-Sharkey - Mordsport in Berliner Straßen

Der Sport kostet den Zeitungen viel Papier, denn er ist heute sehr vielseitig geworden, sozusagen dreidimensional. Zu der Bewegung auf der Fläche - zu Lande oder zu Wasser - ist nämlich noch die in der Luft hinzugekommen. Und schon auf der Fläche gibt es hunderterlei Neues, was wir, als wir noch Kinder waren, nicht kannten. Wer wußte etwas von Fußball oder Boxen oder Skilauf? Als Junge fuhr ich Hochrad, mit dem man manchmal vornüber kippte, schwamm selbstverständlich stundenlang, ruderte schon im richtigen Rennboot und hatte außerdem zweimal wöchentlich Säbelfechten.

Das war, glaube ich, alles.

Heute aber betreibt beispielsweise unser Jüngster sicherlich dutzenderlei Sport und besitzt außerdem die Führerscheine für sämtliche Motorfahrzeuge zu Lande, zu Wasser, zu Luft. Leiht sich zum vorigen Sonntag einen Udet-Flamingo und kommt zu Besuch einfach hergeflogen. Nein, so etwas haben wir, als wir noch Buben waren, wirklich nicht geahnt. Und als ich im späten Mannesalter selber fliegen lernte, da war das doch kein Sport, sondern Waffenhandwerk, und daneben träumte man davon, daß es einmal eine Verkehrsfliegerei geben könne. Aber daß jemand seine Ferien am liebsten immer hoch in der Luft verbringt und dort im Besitze des Kunstflugscheins mit seiner Maschine vergnügt Purzelbäume schlägt, das hätte man mal vor dreißig Jahren Tante Malchen erzählen sollen!

Segler, Faustballer, Autofahrer, Tennisspieler, Läufer, Poloreiter und die sonstigen Sportler in neunundneunzig anderen Arten suchen in der Zeitung nach "ihrer" Rubrik. Und sie alle, und dazu das nichtsportliche Volk der Nichtsalszuschauer, warten nicht erst auf das Morgenblatt, sondern stellen den Rundfunk an, wenn auf irgend einem Gebiet es etwa um die Weltmeisterschaft geht.

Ein übernächtiges Berlin hat so den Mittwoch früh herangewacht.

Der König der deutschen Faustkämpfer, "unser" Maxe Schmeling, unser Berliner Maxe, schlägt in Newyork oder wird geschlagen, während fünf Erdteile horchen. Wir Mitteleuropäer von 3 bis gegen 5 Uhr. Da hat man es in Bombay bequemer, dort ist schon Frühstückszeit, während Berlin noch Nacht und Newyork erst Abend hat. Wir bei uns zu Hause hatten nicht die Absicht, bei nachtschlafender Zeit schon zu erfahren, ob Maxe neben seinen 132 000 Dollar Abendgage auch noch den Titel als Meisterboxer der Welt behält oder nicht. Aber was kann man machen, wenn in das geöffnete Schlafzimmerfenster herein aus dem geöffneten Fenster eines anderen Stockwerks plötzlich ein Lautsprecher brüllt, mitten in die fast absolute Stille?

Unwillig wehrt man sich gegen die verworrenen Geräusche, die die 70 000 Zuschauer in Newyork von sich geben, aber schließlich reißt man doch Augen und Ohren auf.

"Sharkey spuckt Blut, seine Lippe ist gespalten!" "Schmelings Linke saust an Sharkeys Ohr!" So, so. Überall aus den Fenstern brüllen die beiden deutschen Ansager in Newyork, unsere halbe Straße ist hell erleuchtet. In Berlin W in einer kleinen Villa sitzt im Oberstock die ganze Familie in Pyjamas und Morgenröcken um den aufgeregt lärmenden Lautsprecher herum, während gleichzeitig unten unbemerkt Einbrecher für 5000 Mark Silber und Teppiche einpacken. "Aoh, yes, I am happy, Smeling is a fine fighter!", keucht Sharkey nachher ins Mikrophon. Auch der Newyorker Oberbürgermeister Jimmy Walker - die 70 000 haben ihn trotz seines Böß-Prozesses stürmisch begrüßt - sagt uns was durch die Luft über Tausende von Seemeilen hinweg; es klingt, als säße er im Nebenzimmer, nur klingt alles etwas betrunken.

Also nun wissen wir es. Schmeling hat, so hat die Mehrheit der Schiedsrichter geurteilt, nach Punkten verloren, obwohl er der ständige Angreifer war, Sharkey sich nur verteidigte. Bei gleicher Größe hat Schmeling 3 Zentimeter Reichweite mehr, weil seine Arme länger sind. Sharkey ist tüchtig angeschlagen, ein Auge ist ihm völlig zugequollen, das Publikum pfeift und heult zu dem Urteil der Schiedsrichter. Aber da ist nichts zu machen.

In derselben Nacht blüht auch in der deutschen Reichshauptstadt der Boxsport in Straßen, deren Gaslaternen vorher sorglich ausgelöscht sind. Nur sind das nicht faire Zweikämpfe mit 4-Unzen-Handschuhen, sondern Mehrheitsüberfälle mit Schlagring und Messer. Rotfront und Reichsbanner vermöbeln sich oder hauen gemeinsam auf Nationalsozialisten und Stahlhelmer ein. Zur Abwechslung wird auch auf Polizei geschossen. In der nächsten Nacht gibt es schon Barrikaden, in einer Straße müssen Panzerautos gegen die Kommunisten eingesetzt werden. Aber Berlin hat viele Tausend Straßen, in den eigentlichen bürgerlichen Wohnvierteln merkt man nichts von diesem politischen Mordsport, und die Fremden können ruhig im Adlon oder im Fürstenhof oder im Esplanade absteigen, ohne eine Störung ihrer Nachtruhe befürchten zu müssen. In Spanien ist es zur Zeit vielleicht ärger als in Deutschland, selbst wenn man das Ruhrgebiet zum Vergleich heranzieht, wo schon Generalprobe zum Bürgerkrieg stattfindet. Herrn Severing und den übrigen roten Zauberlehrlingen ist vielleicht nicht ganz wohl dabei. Jetzt sähen sie es wohl gerne, daß sie schon abgelöst wären und daß der neue Zentrumskanzler v.Papen, der äußerlich in Opposition gegen sie und das Zentrum steht, den Kampf auf seine Kappe nähme.

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© 2000,  Jens Gatzenmeier

 Stand: Oktober 2007