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Arbeiterkulturbewegung in Elmshorn und Umgebung

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Die folgenden Ausführungen sind einer Zusammenfassung der schriftlichen Hausarbeit von Mathias Hörtnagel zur Erlangung des Grades des Magister Artium (MA) der Philosophischen Fakultät der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, Kiel 1993, auszugsweise entnommen worden.
Der besseren Lesbarkeit wegen wurden die umfangreichen Quellen- und Literaturhinweise herausgenommen.
Der umfangreiche Text wird von mir später mit Fotos und Kopien von historischen Anzeigen aufgelockert.
Für die freundliche Erlaubnis, dieses Material veröffentlichen zu dürfen, danke ich Mathias Hörtnagel.


2.3. Die Arbeitersportbewegung
2.3.1. Arbeiterradsport.

Zu den großen kulturellen Organisationen der Arbeiter in der Weimarer Republik gehörte, neben dem "Deutschen Arbeitersängerbund", vor allem die Arbeitersportbewegung. Eines ihrer wichtigsten Glieder bildete der Arbeiter-Radfahrbund "Solidarität", der im Jahre 1896 gegründet worden war. Insbesondere in der Weimarer Zeit erlebte die Arbeiterradsportbewegung einen enormen Aufschwung: Hatten der "Solidarität" im Jahre 1914 140.000 Mitglieder angehört, so waren es 1922 bereits 280.000.

Als eine der wenigen Organisationen der Arbeiterkulturbewegung gelang es der "Solidarität", ihre bürgerliche Konkurrenz, wie z.B. den "Bund deutscher Radfahrer", in bezug auf die Mitgliederzahl bei weitem zu überflügeln. Darüber hinaus entwickelte sich der Arbeiter-Radfahrbund in den zwanziger Jahren zum größten Radsportverband auf der ganzen Welt. Auch in Elmshorn und Umgebung gab es während der Weimarer Republik ein dichtes Netz von Vereinen der "Solidarität". Bekannt sind Ortsgruppen aus: Barmstedt, Bokholt-Hanredder, Elmshorn, Heidgraben, Heist-Moorege, Klein Offenseth-Sparrieshoop, Pinneberg, Tornesch-Esingen, Uetersen und Wedel.

Für diese Ortsgruppen konnten leider so gut wie gar keine Mitgliederzahlen mehr festgestellt werden. Lediglich für die Elmshorner "Solidarität" liegt eine Mitgliederzahl aus dem Jahre 1924 vor. In diesem Jahr gehörten dem Verein 135 Mitglieder an. Dieses ist für eine Kleinstadt wie Elmshorn, die z.B. 1925 nur knapp über 15.000 Einwohner aufzuweisen hatte, eine beachtliche Zahl. Es liegt also der Schluß nahe, daß sich die Elmshorner Arbeiterradfahrer in den zwanziger Jahren nicht über mangelnden Zuspruch beklagen konnten.

Darüber hinaus scheint es dem Arbeiterradfahrbund besonders zwischen 1918 und 1933 gelungen zu sein, auch im ländlichen Raum des Kreises Pinneberg immer stärker Fuß zu fassen. Hierfür spricht beispielsweise, daß die Ortsgruppen aus Bokholt-Hanredder bzw. auch Klein Offenseth-Sparrieshoop (hierbei handelt es sich um zwei kleine Nachbargemeinden Elmshorns) schon 1920 bzw. 1921 gegründet wurden.

Die Gründe für diesen Erfolg der Arbeiterradsportbewegung sind vielfältig. Zum einem bot die "Solidarität" ihren Mitgliedern zahlreiche Vergünstigungen und Sozialleistungen. Hierzu gehörten eine Radunfall- bzw. Raddiebstahlsunterstützung, eine Haftpflichtversicherung sowie eine Sterbe- und Notfallunterstützung. Außerdem kamen die Arbeiterradsportler in den Genuß eines Rechtsschutzes.

Neben dieser, für damalige Verhältnisse recht umfangreichen sozialen Absicherung, sorgte vor allem das attraktive Freizeitangebot der "Solidarität" für neue Mitglieder: Insbesondere das Touren- und Wanderfahren wurde von dem Arbeiterradfahrbund gefördert. Regelmäßig, z.B. nach Feierabend und am Wochenende, trafen sich die Arbeiterradfahrer zu Ausflugsfahrten. So veranstaltete beispielsweise die Elmshorner Ortsgruppe der "Solidarität" im Mai bzw. im Juni des Jahres 1930 Radtouren nach Bokel, Neumünster, Seestermühe, Haseldorf, Voßloch sowie zum Sachsenwald. 1931 standen bei dem Verein u.a. Wanderfahrten in die "Holsteinische Schweiz" auf dem Programm.

Bei all diesen Ausflugsfahrten sollte kein Wert auf "Kilometerfresserei" und Geschwindigkeit gelegt werden. Statt dessen wurden die Arbeiterradfahrer dazu angehalten, auf die Schwächsten in ihrer Gruppe Rücksicht zu nehmen: Ein Handbuch der "Solidarität" aus dem Jahre 1928 enthielt die dringende Empfehlung, daß bei Fahrten eine Geschwindigkeit von 15 Kilometern nicht überschritten werden solle. Denn sonst verlören die älteren und schwächeren Teilnehmer schnell die Lust und würden an den nächsten Touren nicht mehr teilnehmen. Aber noch aus einem anderen Grunde lehnten die Arbeiterradfahrer die "Raserei" ab. Die Ausflugsfahrten sollten in erster Linie der Erholung vom tristen Arbeitsalltag, dem bewußten Erleben der Natur sowie der Erweiterung des Bildungs- und Erfahrungshorizontes dienen. Hierzu hieß es in dem bereits erwähnten Handbuch der "Solidarität", daß dieses alles unmöglich sei, "wenn die Fahrer nur ihr ganzes Augenmerk darauf richten müssen, nur mitzukommen."

Ferner legte die "Solidarität" sehr viel Wert darauf, daß eine Radtour möglichst von mehreren Ortsgruppen gemeinsam veranstaltet wurde. So gaben beispielsweise die Elmshorner Arbeiterradler über die "Schleswig-Holsteinische Volkszeitung" die Termine ihrer Ausflugsfahrten bekannt und forderten die benachbarten Ortsgruppen zur Teilnahme auf. Durch solche gemeinsamen Ausfahrten wollte man von Seiten der "Solidarität" jeglicher Art von Vereinsmeierei unter den Arbeiterradfahrern vorbeugen. Vielmehr sollte beim Touren- und Wanderfähren der Massensport im Vordergrund stehen, wovon sich der Arbeiter-Radfahrbund außerdem eine Stärkung des Zusammengehörigkeitsgefühls unter seinen Bundesmitgliedern erhoffte.

Schließlich hatte das Touren- und Wanderfahren in den Augen der "Solidarität" auch eine politische Bedeutung. Denn der Arbeiterradfahrer bzw. die Arbeiterradfahrerin, die an den Radtouren teilnahmen, sollten "aus dem Erleben und den Geschehnissen der Natur [...] ihre ungesunde, unnatürliche soziale Lage erkennen" und daraus "die Erkenntnis und die Kraft schöpfen, weiterzukämpfen für das Ziel der Arbeiterklasse", wie es 1923 in der Vereinszeitung der "Solidarität" hieß.

Insgesamt bleibt also festzuhalten, daß der Arbeiter-Radfahrbund bestrebt war, mit dem Touren- und Wanderfahren eine eigenständige "proletarische Freizeitkultur" zu schaffen, in der sich die Ideale der Arbeitersportbewegung (Ablehnung des Leistungsgedankens, Förderung des Massensports, Solidarität stiften, Erziehung des Arbeiterradsportlers zum aktiven politischen Kämpfer) deutlich widerspiegeln. Dieser "Arbeitertourismus" kam zentralen Bedürfnissen der Arbeiter entgegen, die es in ihrer Freizeit aus ihren zumeist engen und düsteren Wohnungen trieb.

Neben dem Touren- und Wanderfahren, bildete der Saal- und Kunstradsport eine weitere sportliche Säule der "Solidarität". Insbesondere in der Weimarer Republik erlebten diese Disziplinen, die vom Arbeiter-Radfahrbund ursprünglich nur als Notlösung zur Überbrückung der Wintermonate gedacht waren, einen starken Aufschwung. In dieser Hinsicht stellten auch die Ortsgruppen aus Elmshorn und Umgebung keine Ausnahme dar. In den Jahren 1918 bis 1933 standen Radball- bzw. Radpolospiele sowie vor allem der Kunstradsport im Mittelpunkt ihrer Veranstaltungen.

Insbesondere das Kunstradfahren der "Solidarität" entwickelte sich in der Weimarer Republik zu einem "Publikumsrenner". So hob beispielsweise die "Elmshorner Zeitung" in ihrer Berichterstattung über das 30-jährige Stiftungsfest der Elmshorner "Solidarität" im Jahre 1926 hervor, daß die artistischen Darbietungen der Arbeiterradsportler unter äußerst starkem Publikumsandrang stattgefunden hätten.

Auch beim Kunstradsport bemühte sich die "Solidarität", den Idealen der Arbeitersportbewegung gerecht zu werden und keinen Starkult aufkommen zu lassen. Aus diesem Grund pflegte man in dieser Disziplin besonders den Mannschaftssport: Elmshorner Arbeiterradsportler gewannen z.B. bei den 1928 in Kiel ausgetragenen norddeutschen Gaumeisterschaften den Titel im "6er Herren Kunstreigenfahren."

Durch die besondere Förderung des Touren- und Wanderfahrens bzw. des Saal- und Kunstradsports, wollte sich die "Solidarität" deutlich vom Radsport bürgerlicher Prägung distanzieren. Denn bei den bürgerlichen Radsportverbänden dominierte in der Weimarer Zeit eindeutig der Radrennsport, d.h. also das Leistungsdenken. Allerdings muß in diesem Zusammenhang noch hinzugefügt werden, daß auch die "Solidarität" sich in der Weimarer Republik dem allgemeinen Trend in Richtung Wettkampf nicht völlig verschließen konnte: 1925 fand beispielsweise in Uetersen ein großes Gausportfest der "Solidarität" statt, an dem sich u.a. Arbeiterradsportler aus Barmstedt, Bielenberg, Elmshorn und Hamburg beteiligten.

Auf dieser Veranstaltung führten die Arbeiterradsportler nicht nur Radballspiele und Kunstreigenfahren vor, sondern trugen auch ein Radrennen über 20 km aus. Am Beispiel dieses "Gausportfestes" wird das ideologische Dilemma deutlich, in dem sich die "Solidarität" während der Weimarer Republik befand. Vor dem Ersten Weltkrieg hatte der Arbeiterradfahrbund das Radrennfahren als reinen Leistungssport noch strikt abgelehnt. In der Weimarer Republik änderte sich diese Haltung. Man war nun in den Reihen der "Solidarität" der Auffassung, daß der Arbeiter-Radfahrbund bedingt Leistungsport anbieten müsse, um in bezug auf die Jugend nicht an Anziehungskraft zu verlieren. Daher beschloß die "Solidarität" auf ihrem Bundestag im Jahre 1919, Radrennen bis zu einer Länge von 10 Kilometern zuzulassen. Mit dieser Lösung (dem kurzen Radrennen) glaubte man, einen goldenen Mittelweg gefunden zu haben. Dieses war jedoch nicht der Fall. In der Folgezeit mußte sich "Solidarität" der Eigendynamik des einmal eingeführten Leistungssportes beugen und schließlich Radrennen über eine längere Distanz (bis zu 50 km) zulassen. Allerdings blieb der Beschluß, Radrennen in das sportliche Programm aufzunehmen, innerhalb der "Solidarität" heftig umstritten. Noch 1926 forderten auf dem 16. Bundestag des Arbeiter-Radfahrbundes 30 Prozent der Delegierten die ersatzlose Streichung des Radrennsportes.

Ab Mitte der zwanziger Jahre erweiterte die "Solidarität" ihr Freizeitangebot noch um eine weitere Attraktion: Man richtete Motorradabteilungen ein. 1928 wurde der Arbeiter-Radfahrbund "Solidarität" in Arbeiter-Rad- und Kraftfahrerbund "Solidarität" umbenannt.

Mit der Schaffung von Motorradabteilungen kam die "Solidarität" einer in Arbeiterkreisen weit verbreiteten Begeisterung für Motorräder entgegen. Normalerweise waren Motorräder für die überwiegende Mehrheit der Arbeiter ein völlig unerschwingliches Luxusgut. Allein schon für das billigste Fahrrad mußte ein Arbeiter in den zwanziger Jahren durchschnittlich seinen gesamten Wochenlohn hergeben. Die "Solidarität" konnte aber nun gewissermaßen "das Unmögliche möglich machen", da sie eine eigene, florierende Fahrrad- und Motorradfabrik besaß. Diese versorgte die Mitglieder des Arbeiter-Rad- und Kraftfahrbundes sowohl mit preiswerten Fahrrädern als auch mit erschwinglichen Motorrädern. Aus diesem Grunde waren selbst kleine Ortsvereine der "Solidarität", wie z.B. die Elmshorner Ortsgruppe, in der Lage, eigene Motorradabteilungen einzurichten.

Die Aktivitäten der "Solidarität" beschränkten sich in der Weimarer Zeit keinesfalls nur auf den reinen sportlichen Bereich. Darüber hinaus legte sie auch sehr viel Wert auf die Verkehrserziehung ihrer Mitglieder. Zu diesem Zwecke hatte die "Solidarität" ganz bestimmte Disziplinen entwickelt, die sowohl sportlichen als auch verkehrserzieherischen Wert besaßen.

So widmeten sich beispielsweise die Teilnehmer, des von der "Solidarität" im Jahre 1925 in Uetersen veranstalteten Gausportfestes, nicht nur - wie bereits erwähnt - dem Radrenn- bzw. Saal- und Kunstradsport, sondern auch dem "100-Meter-Langsamfahren". Beim "Langsamfahren" kam es darauf an, eine bestimmte Strecke auf einer 1 Meter breiten Bahn möglichst langsam zu durchfahren. Die Teilnehmer durften hierbei weder vom Fahrrad absteigen, noch es anhalten. Beides hatte die sofortige Disqualifikation zur Folge. Das "Langsamfahren" erforderte also vom Teilnehmer eine gute Beherrschung des Fahrrades und des eigenen Körpers. Aus diesem Grund hatte diese Disziplin ebenso verkehrserzieherische wie sportliche Bedeutung.

Die "nichtsportlichen Aktivitäten" der "Solidarität" beschränkten keinesfalls nur auf die Verkehrserziehung. Außerdem sah es die Organisation als ihre Aufgabe an, sozusagen als "Gewerkschaft" für alle Radfahrer in Deutschland zu fungieren: So setzte sich der Arbeiter-Radfahrbund für den Ausbau der Radfahrwege in den Städten ein, protestierte gegen finanzielle Belastungen der Radfahrer (Fahrradsteuer) und wandte sich schließlich auch gegen offensichtliche Benachteiligungen der Radler im Straßenverkehr (Sperrung innerstädtischer Straßen für Radfahrer).

Diesem Anspruch, als "Gewerkschaft für alle Radfahrer" zu fungieren, fühlten sich ebenfalls die Ortsgruppen der "Solidarität" aus Elmshorn und Umgebung verpflichtet. Auf ihren Bezirkskonferenzen in der Weimarer Zeit kümmerten sie sich nicht nur um vereinsinterne, sportliche Fragen, sondern traten auch für die Belange aller Radfahrer ein, indem sie z.B. von den entsprechenden behördlichen Stellen die Freigabe bestimmter Straßen für den Radfahrverkehr forderten.

Die "Solidarität" engagierte sich in den Jahren 1918 bis 1933 allerdings ebenso partei- wie verkehrspolitisch. Die meisten Arbeitersportler standen der SPD nahe: Die Elmshorner Ortsgruppe der "Solidarität" nützte beispielsweise durch ihre Mitwirkung Parteifeste der örtlichen Sozialdemokratie. Bei diesen Veranstaltungen bildeten dann die Elmshorner Arbeiterradfahrer mit ihren geschmückten Rädern die Spitze des Festzuges. Der Aufstieg des Nationalsozialismus führte in den letzten Jahren der Weimarer Republik zu einer noch engeren Bindung der "Solidarität" an die SPD.

Dieses traf u.a. auch auf die Elmshorner Arbeiterradfahrer zu, die der "Eisernen Front" beitraten und sich nun direkt in die politische Auseinandersetzung einschalteten. Allerdings wurde dieses Engagement der Arbeiterradsportler nicht belohnt. Die Machtergreifung der Nazis bedeutete das Ende ihrer Organisation. Im Mai 1934 erfolgte das offizielle Verbot der "Solidarität" mit der Begründung, daß es sich um eine "Sportorganisation mit sozialdemokratischer Weltanschauung" handle. Dem Verbot folgte die Vernichtung der einzelnen Ortsgruppen. So wurden beispielsweise am 21.6.1934 der "Arbeiter-Rad- und Kraftfahrbund Solidarität Elmshorn" sowie der "Arbeiter-Radfahrbund Solidarität Wedel" von "Amts wegen" aus dem Vereinsregister gelöscht.


Quelle: Mathias Hörtnagel, Elmshorn

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© 2000,  Jens Gatzenmeier

 Stand: Oktober 2007