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Athleten-Club Einigkeit Elmshorn von 1893 e.V.

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Arbeiterkulturbewegung in Elmshorn und Umgebung.

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Die folgenden Ausführungen sind einer Zusammenfassung der schriftlichen Hausarbeit von Mathias Hörtnagel zur Erlangung des Grades des Magister Artium (MA) der Philosophischen Fakultät der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, Kiel 1993, auszugsweise entnommen worden.
Der besseren Lesbarkeit wegen wurden die umfangreichen Quellen- und Literaturhinweise herausgenommen.
Der umfangreiche Text wird von mir später mit zusätzlichen Fotos und Kopien von historischen Anzeigen aufgelockert.
Für die freundliche Erlaubnis, dieses Material veröffentlichen zu dürfen, danke ich Mathias Hörtnagel.


2.3.2. Arbeiterturnvereine
Im Jahre 1893 wurde in Gera der "Deutsche-Arbeiterturnerbund" (ATB) mit 3356 Mitgliedern gegründet. Mit diesem Schritt vollzogen die Arbeiter die Trennung von der reaktionären "Deutschen Turnerschaft", die sich seit der Reichsgründung (1871) immer stärker zu einer völlig kaisertreuen Organisation entwickelt hatte. Seit seiner Gründung verstand sich der ATB allerdings nicht nur als reine Sportorganisation, die ihren Beitrag zur Erhaltung bzw. Förderung der Gesundheit der Arbeiter leisten wollte. Darüber hinaus sah er es auch als eine seiner Hauptaufgaben an, die politische und soziale Emanzipation der Arbeiterschaft voranzutreiben: "Weckung des Bewußtseins der Arbeiter", "Verteidigung ihrer Rechte gegen Übergriffe der besitzenden Schichten" sowie "Aufbau einer neuen gerechten Sozialordnung" waren zentrale Ziele des ATB.

Genauso wie z.B. die Arbeitersänger begriffen sich also auch die Arbeiterturner als "dritte Säule der Arbeiterbewegung" und befanden sich aus diesem Grund ebenfalls in einem ständigen Konflikt mit dem "wilhelminischen Obrigkeitsstaat".

Nichts desto trotz gehörten dem ATB am Vorabend des Ersten Weltkrieges 190.000 Mitglieder an. Der Erste Weltkrieg stürzte dann aber die Organisation in eine schwere Existenzkrise. In den Kriegsjahren lösten sich über zwei Drittel aller Arbeiterturnvereine auf.

In der Weimarer Republik gelang es jedoch dem ATB, sich sehr rasch von den Folgen des Krieges zu erholen. Vor allem in den zwanziger Jahren erlebte der Verband einen sehr starken Aufschwung. Im Jahre 1928 bildete der Arbeiter-Turn- und Sportbund (die Organisation war inzwischen umbenannt worden) mit 770.058 Mitgliedern die stärkste Säule der deutschen Arbeitersportbewegung. Diesen enormen Mitgliederzuwachs verdankte der Arbeitersportverband zu einem großen Teil den "modernen Sportarten", wie Fußball, Handball, Leichtathletik, Schwimmen etc., die nach 1918 immer stärker in die traditionellen Arbeiterturnvereine eindrangen. Dieser Entwicklung hatte ihr Dachverband bereits 1919 mit der schon erwähnten Namensänderung Rechnung getragen. In diesem Jahr wurde der "Arbeiter-Turnerbund" (ATB) in "Arbeiter- Turn- und Sportbund" (ATSB) umgetauft. In der Weimarer Republik begann sich also das Gesicht der Arbeiterturnvereine sehr stark zu verändern.

Die Arbeiter, die in den Vereinen einen Ausgleich zur schweren körperlichen Arbeit in der Fabrik suchten, gaben sich nun nicht mehr allein mit dem Turnen zufrieden, sondern drangen vom Turnen ausgehend, mehr und mehr in die "modernen Sportarten" ein. Der Typ des klassischen "Nur-Arbeiterturners" wurde in der Weimarer Republik abgelöst durch den Typ des "Arbeiterbreitensportlers", für den Turnen nur eine Sportart unter vielen darstellte.

Die Fortunen 1931 beim Umzug
Diese Entwicklung machte auch vor den Arbeiterturnvereinen aus Elmshorn und Umgebung nicht halt. Dieses soll am Beispiel zweier Vereine, der Freien Turnerschaft Elmshorn bzw. der Freien Turnerschaft Uetersen, deutlich gemacht werden: Zu den traditionsreichsten Arbeiterturnvereinen im Kreis Pinneberg zählte sicherlich die Freie Turnerschaft aus Elmshorn, die 1890 gegründet wurde. In diesem Jahr trennte sich eine Gruppe vom Arbeiterturnverein vom bürgerlichen Elmshorner Männer-Turnverein und erwirkte beim Arbeiterbildungsverein, daß eine Turnabteilung ins Leben gerufen wurde. Hieraus ging dann die Freie Turnerschaft Elmshorn hervor. In der Weimarer Republik begann sich dann die Struktur des Vereins sehr stark zu verändern. Aus dem klassischen Arbeiterturnverein wurde mehr und mehr ein "Arbeiterbreitensportverein" So hatte die Freie Turnerschaft Elmshorn z.B. im Jahre 1925 nicht nur Frauen, Männer und Kinderturngruppen, sondern auch 7 Fußball- bzw. 3 Schlagballmannschaften sowie eine Leichtathletikabteilung. 1926 wurde eine Schwimmabteilung eingerichtet. Seit 1931 beteiligten sich schließlich auch noch 5 Handballmannschaften des Vereins am Spielbetrieb.

Dieser starke Vormarsch der "modernen Sportarten" hatte bereits 1923 zu einer Änderung des Vereinsnamens geführt. In diesem Jahr wurde die Freie Turnerschaft aus Elmshom in Freie Turn- und Sportvereinigung (FTSV) umbenannt.

Eine ähnliche Entwicklung wie der Elmshorner Arbeiterturnverein, nahm in der Weimarer Republik auch die Freie Turnerschaft aus Uetersen, deren Gründung im Jahre 1900 erfolgt sein dürfte. So konnte der Verein in den zwanziger Jahren neben einer Kinder-, Frauen- und Männerturnriege u.a. mehrere Schlagball- bzw. Faustballmannschaften (Damen und Herren) sowie eine Leichtathletik und Schwimmabteilung aufbieten.

Die Einführung der "neuen Sportarten" ging in den Arbeiterturnvereinen allerdings nicht immer ohne Konflikte vor sich. Insbesondere die "alten Turner" im Verein fühlten sich sehr stark der von der Arbeitersportbewegung propagierten Devise "Massensport statt Kampfrekord" verpflichtet und lehnten daher jegliche Form von Leistungssport ab. Gerade bei ihnen stießen solche stark wettkampforientierten Sportarten wie z.B. der Fußball auf erheblichen Widerstand.

Immerhin dürften diese "modernen Sportarten" auch im Fall der FTSV Elmshorn bzw. der Freien Turnerschaft Uetersen erheblich mit dazu beigetragen haben, daß sich beide Vereine in den Jahren 1918 bis 1933 nicht über mangelnden Zuspruch beklagen konnten. So stieg z.B. die Mitgliederzahl der FTSV zwischen 1926 und 1930 von 350 (1926) auf 684 (1930) Personen. Der Freien Turnerschaft Uetersen gehörten in der Weimarer Republik durchschnittlich ca. 300 Mitglieder an. Dieses ist eine recht beachtliche Bilanz für zwei Arbeitersportvereine aus Kleinstädten, die in den zwanziger Jahren lediglich knapp über 15.000 (Elmshom) bzw. 7.000 (Uetersen) Einwohner hatten.

Trotz des offensichtlich starken Mitgliederzuwachses, gelang es aber der Freien Turn- und Sportvereinigung Elmshorn nicht, ein von der Arbeitersportbewegung propagiertes Ziel zu erreichen, nämlich alle Arbeiter aus bürgerlichen Vereinen herauszulösen. Der Vereinsvorsitzende der FTSV stellte auf der Jahreshauptversammlung im Januar (1930) u.a. fest, daß sich trotz des Mitgliederzuwachses immer noch zu viele Arbeiter im bürgerlichen Lager befinden würden. Dieser Zustand mußte den Verantwortlichen des Elmshorner Arbeitersportvereins um so unerklärlicher erscheinen, da sich die FTSV bis dato in ihrer Öffentlichkeitsarbeit immer um eine sehr intensive Auseinandersetzung mit dem bürgerlichen Sport bemüht hatte. Auch zu diesem Zweck hatte die Freie Turn- und Sportvereinigung Elmshorn 1924 eine eigene Vereinszeitung ins Leben gerufen. In diesen "Mitteilungsblättern" erschienen in den zwanziger Jahren zahlreiche Artikel, in denen der bürgerliche Sport scharf angegriffen wurde. So war beispielsweise in einer Ausgabe der "Mitteilungsblätter" vom September 1926 zu lesen:

"Der Sport wird allgemein als ein Erziehungsfaktor von großer Bedeutung bezeichnet. Seine Macht auf die Beeinflussung menschlicher Tugenden wird in den schillerndsten Farben und mit erheblichen Pathos immer wieder in alle Welt hinausposaunt. Ganz besonders von seiten der bürgerlichen Sportkreise, die damit aber ihre Reden Lügen strafen, denn allein die Sucht nach der Übervorteilung anderer, die in jenen Kreisen gepflegt und verherrlicht wird, wiegt viele gute Eigenschaften des Sportes auf. Was vollbringt der Sport nicht alles. Er erzieht zum Gemeinschaftsgeist, zur Ritterlichkeit, zur Unterordnung unter das Ganze. [...] Für gewisse [bürgerliche, M.H.] Kreise ist es ferner bedeutungsvoll den Sport zur Erziehung politischer Indifferenz zu nutzen. Und hier stoßen wir zum ersten Male auf die Aufgaben, die uns das gewählte Thema stellt: "Sei Tatmensch". Das heißt: Erkenne nicht nur, daß gewisse Leute dich von deiner Aufgabe klassenbewußter Mitkämpfer für die Befreiung des Proletariats zu sein abhalten wollen, sondern lasse dieser Erkenntnis auch die Tat folgen. Wende dich ab von den Kreisen, die dir nur beim Sport freundlich gesinnt, sonst aber deine Unterdrücker, deine Peiniger sind. Organisiere dich in den Arbeitersportvereinen, die ihre Aufgaben darin sehen, in Anlehnung an die politischen Ziele des Proletariats zur Gestaltung des Volkstums beizutragen."

Am Beispiel dieses Artikels wird deutlich, wie stark sich die Arbeiterturnvereine vom bürgerlichen Sport abzugrenzen versuchten: So verurteilte man scharf die Begleiterscheinungen der bürgerlichen Sportpraxis, wie z.B. die Rekordsucht, und setzte dem ein eigenes Sportideal ("Massensport statt Kampfrekord") entgegen. Aus diesem Grund war z.B. die FTSV Elmshorn bemüht, nichtwettbewerbsorientierte kooperative Sportarten, wie etwa gemeinsame Waldläufe von Erwachsenen und Kindern, zu fördern.

Darüber hinaus verlagerten die Arbeiterturnvereine die Auseinandersetzung mit dem bürgerlichen Sport auch in den politischen Bereich. So ließ beispielsweise die Freie Turn- und Sportvereinigung Elmshorn, wie gesehen, keinen Zweifel daran, daß sie im Gegensatz zu den bürgerlichen Vereinen, ihre Mitglieder zu aktiven politischen Kämpfern für die "Befreiung des Proletariats" erziehen wollte.

Gerade dieser Anspruch, nicht nur reiner Sportverein zu sein, dürfte aber erheblich dazu beigetragen haben, daß die FTSV ihr großes Ziel, möglichst alle sportbegeisterten Arbeiter für sich zu gewinnen, nicht erreichte. Denn vor allem bei gemäßigten bzw. gänzlich unpolitischen Arbeitern, die nur in einem (in bezug auf das sportliche Angebot und die Wettkampfstätten) attraktiven Verein ihren Sport betreiben wollten, mußten solche klassenkämpferischen Parolen auf Ablehnung stoßen. In diesem Zusammenhang kam noch erschwerend hinzu, daß die Freie Turn und Sportvereinigung im Hinblick auf die eben angesprochene "Attraktivität" ihrem bürgerlichen Kontrahenten, dem Elmshorner Männer-Turnverein (EMTV), deutlich unterlegen war. Während z.B. der EMTV sich bereits seit 1922/23 im Besitz einer eigenen Sportanlage befand, war die FTSV bis zum Jahre 1928 darauf angewiesen, die Trabrennbahn bzw. städtische Sportplätze zu benutzen. Um diese Anlagen gab es ständig Ärger. Immer wieder verweigerte der bürgerliche Rennverein den Arbeitersportlern die Benutzung der Trabrennbahn. Die städtischen Sportplätze befanden sich teilweise in einem solch schlechten Zustand, daß kein vernünftiger Sport auf ihnen getrieben werden konnte. Entsprechende Beschwerden der FTSV an den Magistrat der Stadt Elmshorn blieben ungehört. Erst im Jahre 1928 war es dem Verein möglich, einen eigenen Sportplatz zu pachten, der 1929 endgültig übernommen wurde. Der Kauf dieses Platzes stellte jedoch für die Freie Turn- und Spielvereinigung Elmshorn eine große finanzielle Belastung dar. Ende des Jahres 1929 waren nur noch 36,63 M in der Vereinskasse. Die Finanzen der FTSV befanden sich in einem derart miserablen Zustand, daß zum 1. April 1930 - trotz der Weltwirtschaftskrise - die Mitgliedsbeiträge angehoben werden mußten.

Der FTSV auf der Rennbahn
Doch nicht nur die überlegene finanzielle und damit auch technische Ausstattung des bürgerlichen gegenüber dem Arbeitersport, dürfte viele Arbeiter dazu bewogen haben, in bürgerliche Vereine einzutreten. Darüber hinaus scheinen nicht selten auch freundschaftliche Bindungen über das von der Arbeitersportbewegung immer wieder beschworene "Klassenbewußtsein" gesiegt zu haben. Dieses geht z.B. aus der Stellungnahme von Peter Münster hervor, der in den zwanziger Jahren als Arbeiter dem bürgerlichen Elmshorner Männer-Turnverein angehörte:

"Ich war damals Mitglied im EMTV und habe dort geturnt und später auch Handball gespielt. Der EMTV war ja nun ein sogenannter "bürgerlicher Verein". Damals gab es ja noch die Trennung zwischen Arbeitersport und bürgerlichem Sport. Ich habe mich aber nie darum gekümmert und ging deshalb zum EMTV, weil dort bereits meine ganzen Freunde und Bekannten Mitglied waren."

Allerdings scheiterten die Arbeitersportvereine bei ihrem Versuch, möglichst alle Arbeiter dem bürgerlichen Sport abzuwerben, nicht nur an den eben genannten Faktoren, sondern machten bei ihren Bemühungen auch selbst schwere Fehler. So warb man z.B. in den "Mitteilungsblättern der Freien Turn- und Sportvereinigung Elmshorn einerseits, wie gesehen, sehr stark um die in den bürgerlichen Vereinen organisierten Arbeiter. An anderer Stelle hieß es aber in der gleichen Zeitung, man sei auf diese Arbeiter überhaupt nicht angewiesen, sie könnten ruhig bleiben, wo der Pfeffer wachse. Solche Beschimpfungen trugen natürlich nicht gerade dazu bei, Arbeiter aus bürgerlichen Vereinen für den Arbeitersport zu gewinnen. Vielleicht hätte ein etwas diplomatischeres Vorgehen der Arbeitersportvereine in dieser Frage größeren Erfolg gehabt.

Seit Ende der zwanziger Jahre trat jedoch bei den Arbeitersportvereinen die Auseinandersetzung mit dem bürgerlichen Sport mehr und mehr in den Hintergrund, da man sich nun immer stärker mit der Opposition aus den eigenen Reihen befassen mußte. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten Sozialdemokraten und Kommunisten, trotz der großen politischen Gegensätze zwischen den beiden Arbeiterparteien, noch im selben Verein Sport getrieben. 1928 kam es aber auch zwischen den Arbeitersportlern zum Bruch. Die Kommunisten gründeten einen eigenen Sportverband, den sogenannten "Rotsport".

Diese Entwicklung machte z.B. auch vor der Freien Turn- und Sportvereinigung Elmshorn nicht halt. 1930 wurden aus der FTSV eine Reihe von kommunistischen Arbeitersportlern ausgeschlossen, die daraufhin einen eigenen Sportverein, den Verein für Leibesübungen (VFL) ins Leben riefen. Im Falle der Freien Turn und Sportvereinigung Elmshorn scheinen die kommunistischen Arbeitersportler ihren Ausschluß aus dem Verein bewußt provoziert zu haben, da sie zuvor bei einer Veranstaltung des kommunistischen Jugendverbandes angetreten waren, und damit gegen ein zentrales Statut des ATSB verstoßen hatten.

Konfrontationen zwischen den "Rotsportlern" und ihren ehemaligen sozialdemokratischen Vereinskollegen blieben nicht aus. Denn die KPD verfolgte mit der Gründung eigener Sportorganisationen vor allem das Ziel, Arbeitersportler aus den der SPD nahe stehenden ATSB Vereinen herauszulösen um sie für den "Rotsport" bzw. letztendlich für sich selbst zu gewinnen.

In dieser Hinsicht scheinen auch die Elmshorner "Rotsportler" eine rege Aktivität entwickelt zu haben. So wurde in den "Mitteilungsblättern" der FTSV Elmshorn aus dem Jahre 1931 mehrfach das "Treiben der sogenannten Opposition" an den Pranger gestellt: Man beschuldigte die Kommunisten u.a., daß sie durch ständige Störmanöver und ihr endloses "Geplänkel" die Sitzungen des Elmshorner Arbeitersportkartells (hierbei handelte es sich um den Dachverband der Elmshorner Arbeitersportvereine) zu blockieren versuchten.

Die Polemiken auf beiden Seiten nahmen immer stärker zu: So verwahrte man sich von seiten der FTSV ganz entschieden gegen den Vorwurf der "Rotsportler", daß die sozialdemokratischen Arbeitersportler "viel zu lau beim Kampf gegen den aufkommenden Faschismus" seien. Die Freie Turn- und Sportvereinigung Elmshorn beschränkte sich jedoch nicht nur auf bloße Zurückweisungen, sondern ging auch selbst in die Offensive: 1930 erschien in der Vereinszeitung ein Artikel, in dem an alle Elmshorner Arbeitersportler dringend appelliert wurde, bei den bevorstehenden Reichstagswahlen auf keinen Fall der KPD ihre Stimme zu geben:

"Wen wir zu wählen haben? Eine billige Frage. Eine Partei [die KPD, M.H.], die unsern Organisationskörper zerstören wollte, die ihre Beauftragten mit scheußlichsten Mitteln arbeiten ließ, die ihre Taktik erst von Moskau sich vorschreiben lassen muß, die in den Gemeinden lieber Reaktionäre in bestimmte Stellen wählen läßt, ehe ein sozialdemokratischer Funktionär dort Einfluß ausübt, kommt für uns nicht in Frage. Also haben wir unsere Stimmkraft auf die Sozialdemokratische Partei zu lenken." Es läßt sich heute nur schwer abschätzen, wer aus dieser Auseinandersetzung als Sieger hervorging, d.h. also, ob die "Abwerbungsversuche" der Elmshorner "Rotsportler" erfolgreich waren oder nicht. Denn die vorliegenden Quellen geben ein sehr widersprüchliches Bild: So war die Vereinsgründung der Elmshorner Kommunisten, nach Angabe der KPD-nahen "Norddeutschen Zeitung" natürlich äußerst erfolgreich. Anläßlich eines Werbesportfestes des Elmshorner Vereins für Leibesübungen im Okt. 1930 (die Gründung des Vereins dürfte im Juli/ August desselben Jahres erfolgt sein) berichtet das Blatt u.a., daß der VFL sich bereits mit zwei Handballmannschaften (Damen und Herren), zwei Fußballmannschaften, einer Schlagballmannschaft sowie einer Leichtathletikabteilung an dieser Veranstaltung beteiligt habe. Die "Norddeutsche Zeitung" kam zu dem Schluß, daß der "rote Arbeitersport" auch in Elmshorn auf dem Vormarsch sei.

Demgegenüber behaupteten die Verantwortlichen der FTSV auf der Jahreshauptversammlung des Vereins im Januar 1931, daß es dem "Rotsport" trotz intensiver Hetze nicht gelungen sei, der Freien Turn- und Sportvereinigung Mitglieder abspenstig zu machen.

Diese Einschätzung von seiten der FTSV dürfte der historischen Wahrheit am nächsten kommen. Denn sie wird durch Berichte bestätigt, die die Elmshorner Polizeiverwaltung über den Verein für Leibesübungen anfertigen ließ. Letztgenannte stellen in diesem Zusammenhang sicherlich die zuverlässigste, weil objektivste Quelle dar: Der "emsigen Arbeit der Elmshorner Polizei" ist u.a. ein Mitgliederverzeichnis des Vereins für Leibesübungen zu verdanken, das wahrscheinlich aus dem Jahre 1930 stammt. Nach diesem Verzeichnis gehörten dem Verein zu diesem Zeitpunkt lediglich 18 Mitglieder an.

Aus den Akten der Elmshorner Polizeiverwaltung geht ferner hervor, daß die Elmshorner "Rotsportler" noch im Jahre 1932 auf die tatkräftige Unterstützung auswärtiger "Brudervereine" angewiesen waren, um bei ihren Werbesportfesten dem Publikum ein ansehnliches Teilnehmerfeld präsentieren zu können. Es liegt also die Vermutung nahe, daß es dem kommunistischen Verein für Leibesübungen nicht gelang, auf Kosten der FTSV stärkster Elmshorner Arbeitersportverein zu werden. Die Arbeiterturnvereine wurden in den letzten Jahren der Weimarer Republik allerdings nicht durch die Auseinandersetzung mit dem "Rotsport" in Anspruch genommen. Ebenso sahen sich die Arbeitersportler nun in zunehmenden Maße mit dem aufkommenden Nationalsozialismus konfrontiert.

So wurde z.B. in den "Mitteilungsblättern" der Freien Turn und Sportvereinigung Elmshorn aus dem Jahre 1931 bereits eindringlich vor den Nationalsozialisten gewarnt: Wenn diese an die Macht kämen, hieß es, seien die Freiheit und der Frieden Europas und der Welt bedroht. Man appellierte daher eindringlich an alle Arbeitersportler gegen diese Gefahr vorzugehen.

Daher war es für die FTSV nur konsequent, daß sie in der Endphase der Weimarer Republik Veranstaltungen der "Eisernen Front" durch ihre Mitwirkung unterstützte. Auch Arbeitersportler der Freien Turnerschaft Uetersen engagierten sich für diesen Abwehrblock aus SPD, Reichsbanner, Gewerkschaften und Arbeitersportverbänden. Diese Bemühungen waren allerdings, wie hinlänglich bekannt, erfolglos. Die Machtergreifung der Nazis im Januar 1933 bedeutete auch für die Arbeiterturnvereine das Ende. So mußte sich z.B. die Freie Turn- und Sportvereinigung Elmshorn bereits im Februar 1933 unter dem Druck der Nationalsozialisten auflösen. Versuche der Vereinsführung sich mit dem neuen Regime zu arrangieren und eine Wiederzulassung der FTSV zu erreichen, scheiterten: Am 21.6.1934 wurde die Freie Turn- und Sportvereinigung Elmshorn, übrigens gemeinsam mit der Freien Turnerschaft Uetersen, aus dem Vereinsregister gelöscht.

Nach 1945 gelang die erfolgreiche Wiederbelebung nur im Fall der Freien Turn- und Sportvereinigung Elmshorn, die heute noch, allerdings nicht mehr als reiner Arbeitersportverein, besteht. Die Freie Turnerschaft Uetersen hörte hingegen nach dem 2. Weltkrieg auf als selbständiger Verein zu existieren und ging statt dessen eine Fusion mit ihrem bürgerlichen Kontrahenten aus Weimarer Zeiten ein.


Quellen: Mathias Hörtnagel, Elmshorn
Archiv der Stadt Elmshorn (Bilder)

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© 2000,  Jens Gatzenmeier

 Stand: Oktober 2007