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Athleten-Club Einigkeit Elmshorn von 1893 e.V.

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Die folgenden Ausführungen sind einer Zusammenfassung der schriftlichen Hausarbeit von Mathias Hörtnagel zur Erlangung des Grades des Magister Artium (MA) der Philosophischen Fakultät der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, Kiel 1993, auszugsweise entnommen worden.
Der besseren Lesbarkeit wegen wurden die umfangreichen Quellen- und Literaturhinweise herausgenommen.
Der umfangreiche Text wird von mir später mit Fotos und Kopien von historischen Anzeigen aufgelockert.
Für die freundliche Erlaubnis, dieses Material veröffentlichen zu dürfen, danke ich Mathias Hörtnagel.


2.3.3. Frauensport
Am Ende dieses Abschnittes über die Arbeitersportbewegung soll noch kurz auf die Rolle der Frau im Arbeitersport eingegangen werden.

Im zweiten deutschen Kaiserreich wurden die Arbeitersportvereine, genauso wie die bürgerlichen Sportorganisationen, fast ausschließlich von Männern beherrscht. Frauen spielten im Arbeitersport so gut wie keine Rolle. Dieses hing einmal damit zusammen, daß der Frauensport zur damaligen Zeit noch nicht gesellschaftsfähig war. Hinzu kam, daß Arbeiterfrauen oft einer Dreifachbelastung (Haushalt, Kindererziehung, Berufstätigkeit) ausgesetzt waren und daher überhaupt nicht über die nötige Freizeit verfügten, um sich sportlich betätigen zu können.

Die wenigen Frauenriegen in den Arbeiterturnvereinen unterstanden in der Regel männlichen Vorturnern. Frauen bekleideten so gut wie gar keine Vereinsämter.

Erst nach 1918, im Zuge der formalen Gleichstellung der Frau vor dem Gesetz (Stimm- und Wahlrecht für Frauen, Öffnung der Hochschulen für sie), wurde der Frauensport auch innerhalb der Arbeitersportbewegung endgültig "salonfähig". In der Weimarer Zeit stieg der Frauenanteil in den Arbeitersportvereinen auf ca. 20 %.

Diese Entwicklung erfaßte ebenfalls die Freie Turn- und Sportvereinigung Elmshom, in der die Frauen zwischen 1918 und 1933 zunehmend aktiv wurden. So befanden sich beispielsweise unter den 38 Sportlern des Vereins, die 1925 zur ersten Arbeiterolympiade nach Frankfurt führen, 18 Männer und 20 Frauen.

Femer wurde bereits seit dem Jahre 1919 die Turnabteilung des Vereins nicht mehr ausschließlich von Männern geleitet, sondern es gab ab diesem Zeitpunkt ebenfalls eine weibliche Vorturnerin, der die Mädchenriege unterstand. Die Frauen begannen also ebenfalls, wenngleich zaghaft, Verantwortung im Verein zu übernehmen.

Außerdem ist in diesem Zusammenhang noch auf folgende Tatsache hinzuweisen: Zwischen 1919 und 1924 verzeichnete vor allem die Kinderturnriege der FTSV einen großen Zuwachs. An einer Turnstunde des Vereins nahmen zeitweise 120-130 Jungen bzw. 160 Mädchen teil. Die letzte Zahl zeigt, daß die ständigen Appelle der Verantwortlichen des Elmshorner Arbeitersportvereins an die Arbeiterfamilien, sich endlich von der kleinbürgerlichen Vorstellung, Sport schicke sich nicht für Mädchen, zu lösen, nicht gänzlich ihre Wirkung verfehlten.

Trotz all dieser Fortschritte, blieb aber in den Reihen der FTSV die Einstellung zum Frauensport bzw. zum Frauenbild zwiespältig. So propagierte man einerseits in der Vereinszeitung immer wieder einen freien Umgang der Geschlechter und kritisierte in diesem Zusammenhang heftig die spießbürgerlichen Moralapostel, die bereits der Anblick einer Turnerin in kurzen Hosen in "Angst und Schrecken" versetzen würde. Andererseits aber hielten die Verantwortlichen der Freien Turn- und Sportvereinigung Elmshorn selbst an diesen "spießbürgerlichen Moralvorstellungen" fest und ließen z.B. Jungen und Mädchen nicht miteinander turnen. Den Jungen war es sogar strikt untersagt sich, während der Turnstunde der Mädchen, in der Halle aufzuhalten. Von einem freien Umgang der Geschlechter miteinander konnte also in dieser Hinsicht keine Rede sein.

Ferner standen den Frauen, obwohl in der Vereinszeitung der FTSV immer wieder ihre gleichberechtigte Stellung gegenüber den Männern betont wurde, längst nicht alle Sportarten offen. Der Verein erweiterte zwar in den zwanziger Jahren das bis dato sehr schmale sportliche Angebot für Frauen. Neben dem Turnen konnten Frauen nun auch Gymnastik sowie Schlag- bzw. Handball betreiben.

Dennoch sollten nach Auffassung der männlichen Vereinsmitglieder bestimmte Sportarten für die Frauen gänzlich tabu bleiben. So erschien z.B. 1927 in den "Mitteilungsblättern" ein von einem Mann verfaßter Artikel, in dem genau ausgeführt wurde, welche sportlichen Disziplinen für Frauen geeignet seien und welche nicht. Der Autor ging hierbei von der Grundüberlegung aus, daß der weibliche Körper nun einmal völlig anders gebaut sei als der männliche und daher ganz andere Aufgaben habe. Hierauf müsse immer Rücksicht genommen werden. Aus diesem Grunde sollten Frauen auf keinen Fall solche Sportarten betreiben, die Kraft und besondere Einsatzbereitschaft erforderten, wie z.B. der Fußball oder das Radrennen. Wenn eine Frau dieses tue, mache sie sich nur vor aller Welt lächerlich. Der Autor riet statt dessen den Arbeitersportlerinnen, sich auf diejenigen Sportarten zu konzentrieren, wie z.B. die Gymnastik, die die Stärken der Frau (Eleganz, Schönheit) zum Ausdruck brächten.

Dieser Artikel ist sicherlich als ein Beleg dafür zu werten, wie stark in den Arbeitersportvereinen noch die, auch in bürgerlichen Sportkreisen vorherrschende, Auffassung von der "weiblichen Schwäche", bzw. von der "geistig-seelischen Eigenart der Frau" verbreitet war. Wie gering die Bereitschaft der Arbeitersportler war, ihre weiblichen Sportgenossinnen als gleichberechtigte Partnerinnen anzuerkennen, wird auch an folgender Tatsache deutlich: Engagierten Frauen wurde es in Arbeitersportvereinen anscheinend sehr schwer gemacht, leitende Funktionen zu übernehmen, obgleich der Arbeiter Turn- und Sportbund immer wieder verlautbaren ließ, man wolle die gleichberechtigte Mitarbeit der Frau im Arbeitersport fördern.

So beklagte sich beispielsweise 1927 eine Arbeitersportlerin der FTSV sehr stark in der Vereinszeitung darüber, mit welchen Schwierigkeiten eine Frau zu kämpfen habe, wenn sie ein Vereinsamt übernehmen wolle. In diesem Zusammenhang kritisierte sie vor allem die männlichen Sportkollegen, die sich einfach von der traditionellen Vorstellung, daß eine Frau nur für "Heim und Herd" zuständig sei, nicht lösen wollten. Dieses sei eigentlich ein Armutszeugnis für einen Arbeitersportverein. Am Schluß ihres Artikels appellierte sie daher an die Männer, endlich zu lernen, die Macht im Verein mit den Frauen zu teilen. Wenn dieses nicht geschehe, würden zahlreiche Beschlüsse des ATSB bezüglich der Gleichberechtigung der Frau niemals mit Leben erfüllt werden.

Obwohl also von einer wirklich gleichberechtigten Stellung der Frau im Arbeitersport nicht gesprochen werden kann, leisteten, die Arbeitersportorganisationen dennoch einen wichtigen Beitrag zu ihrer Emanzipation.

Schon allein das öffentliche Auftreten der Arbeitersportlerinnen in kurzen Hosen war für die damalige Zeit geradezu revolutionär. Auch die Tatsache, daß die Frauen in den Arbeitersportvereinen das Verhalten ihrer männlichen Vereinsgenossen nicht mehr kritiklos hinnahmen, sondern es statt dessen in den Vereinszeitungen öffentlich an den Pranger stellten, ist sicherlich ebenfalls als ein wichtiger Schritt in Richtung Emanzipation anzusehen.

Außerdem wurde in den ATSB-Vereinen der Umgang beider Geschlechter durch den Sport, gemeinsame Ausflüge bzw. Unternehmungen (wie Fahrten zu Arbeiterolympiaden) und gemeinsames Baden sicherlich freier, wenngleich sich die Arbeitersportbewegung in diesem Bereich nie gänzlich von den kleinbürgerlichen Vorstellungen befreien konnte.

Schließlich bleibt in diesem Zusammenhang noch darauf hinzuweisen, daß selbst "feudale" Sportarten, wie das Schachspielen, für Arbeiterfrauen in der Weimarer Republik kein Tabu mehr darstellten, wie das Gruppenfoto des 1923 in der Arbeitergemeinde Langelohe gegründeten Arbeiterschachvereins "Frei Schach" belegt. Insgesamt bedeutete für viele Arbeiterfrauen der Eintritt in den Sportverein eine der wenigen Möglichkeiten, sich außerhalb von "Heim und Herd" zu entfalten und etwas für die eigene Persönlichkeitsentwicklung zu tun. Denn Partei, Gewerkschaft und Kneipe waren auch in der Weimarer Republik fast ausschließlich Männersache.

-Frei Schach- Langelohe 1926
"Frei Schach Langelohe" Aufnahme von 1926

Quellen: Mathias Hörtnagel, Elmshorn
Archiv der Stadt Elmshorn (Bild)

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© 2000,  Jens Gatzenmeier

 Stand: Oktober 2007