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Athleten-Club Einigkeit Elmshorn von 1893 e.V.

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Die folgenden Ausführungen sind einer Zusammenfassung der schriftlichen Hausarbeit von Mathias Hörtnagel zur Erlangung des Grades des Magister Artium (MA) der Philosophischen Fakultät der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, Kiel 1993, auszugsweise entnommen worden.
Der besseren Lesbarkeit wegen wurden die umfangreichen Quellen- und Literaturhinweise herausgenommen.
Der umfangreiche Text wird von mir später mit Fotos und Kopien von historischen Anzeigen aufgelockert.
Für die freundliche Erlaubnis, dieses Material veröffentlichen zu dürfen, danke ich Mathias Hörtnagel.


3.3.4. Arbeiterathletenvereine
Die sportlichen Aktivitäten der Arbeiter beschränkten sich in der Weimarer Republik nicht nur auf Radfahren, Turnen und Fußballspielen. Ein weiteres Glied der Arbeitersportbewegung bildete der "Arbeiter-Athletenbund Deutschlands" (AABD), welcher 1906 in Berlin gegründet worden war.

In diesem Jahr sagten sich 400 Arbeiterathleten vom kaisertreuen, bürgerlichen "Athleten- und Artistenverband von Berlin" los und riefen eine eigene Organisation ins Leben, welche sich ausdrücklich als ein Teil der Arbeiterbewegung verstand.

Seine Blütezeit erlebte der AABD in den Jahren 1918 bis 1933. Gehörten ihm 1913 7.311 Mitglieder an, so waren es 1925 6.316 Arbeiterathleten, welche in einem Verein des AABD ihren Sport betrieben.

Der AABD richtete alle seine Bemühungen darauf, sich vom stark leistungsorientierten, kommerzialisierten bürgerlichen Kraftsport abzugrenzen und stattdessen in seiner Sportpraxis die allgemeinen Ideale des Arbeitersports umzusetzen.

Inwiefern dieses gelang, soll am Beispiel zweier Arbeiterathletenvereine aus Elmshorn und Umgebung untersucht werden. Es handelt sich hierbei um den Arbeiterathleten-Klub "Einigkeit" - Elmshorn und den Arbeiterathleten-Klub "Freiheit" Uetersen, welche 1893 ("Einigkeit") bzw. 1911 ("Freiheit") gegründet wurden.

Betrachtet man nun die Sportpraxis beider Vereine in der Weimarer Republik, so läßt sich folgendes feststellen: Bei ihren Veranstaltungen dominierten eindeutig die klassischen Kraftsportarten: Ringen und Gewichtheben. Beide betrieb man wettkampfmäßig. So wurde beispielsweise 1923 in Uetersen die "norddeutsche Meisterschaft der Arbeiterathleten" im Ringen und Gewichtheben veranstaltet, an der sich Arbeiterathletenvereine aus Elmshorn, Hamburg, Kiel, Lübeck, Mecklenburg-Vorpommern, Pinneberg und Uetersen beteiligten.

Genauso wie bei den bürgerlichen Kraftsportlern, ging es also auch bei den Arbeiterathleten um Meisterehren auf Kreis-, Bezirks- und Bundesebene. Trotz dieser Übernahme des bürgerlichen Modells, wollte der AABD gleichzeitig aber die negativen Begleiterscheinungen der bürgerlichen Sportpraxis (Starkult, totales Leistungsdenken) aus seinen Reihen fernhalten. Vom Verband wurden zwar Einzelwettkämpfe durchgeführt, ein Einzelmeistertitel durfte jedoch nicht getragen werden. Umso mehr Wert legte man von seiten des AABD auf die Pflege des Mannschaftssports. So standen beispielsweise bei den Veranstaltungen des Elmshorner Arbeiterathleten-Klubs "Einigkeit" bzw. des Uetersener Arbeiterathleten-Klubs "Freiheit" (in den zwanziger Jahren) eindeutig die Mannschaftswettkämpfe im Mittelpunkt. Neben dem Starkult, lehnte der AABD auch den Leistungssport um jeden Preis ab. Bei den Wettkämpfen der Arbeiterathleten stand stattdessen der gesundheitliche Aspekt im Vordergrund. Nach dem Willen des AABD sollten seine Mitglieder zwar Leistungen erbringen können, allerdings nicht auf Kosten ihrer Gesundheit. Es überwogen beispielsweise bei den Ringkämpfen des Elmshorner Vereins "Einigkeit" eindeutig die leichteren Gewichtsklassen.
In dieser Praxis kam der Anspruch des AABD zum Ausdruck, keine "fettbäuchigen Muskelprotze" heranzüchten zu wollen.

Außerdem durften beim Ringen zwei, im bürgerlichen Sport übliche, aber gefährliche, Handgriffe von den Arbeiterathleten nicht angewendet werden. Beim Gewichtheben galt das "Drücken" als gesundheitsschädlich und war deshalb im AABD verboten. Jugendliche waren vom Gewichtheben unter Wettkampfbedingungen grundsätzlich ausgeschlossen.

Diese breitensportliche Zielsetzung des Verbandes spiegelt sich auch in der Tatsache wider, daß der AABD immer wieder an seine Mitglieder appellierte, bei aller Begeisterung für die "Schwerathletik", ebenfalls andere Sportarten zu betreiben, um den Körper, dessen Ertüchtigung absoluten Vorrang vor allem habe, nicht zu einseitig zu belasten. Die Arbeiterathletenvereine gingen daher dazu über, ihr sportliches Repertoire zu erweitern: So bot z. B. der Elmshorner Arbeiterathleten-Klub "Einigkeit" in der Weimarer Zeit nicht nur Ringen und Gewichtheben, sondern auch Leichtathletik, Faustball sowie Schlagball an.

Außerdem praktizierten die Elmshorner aber noch eine andere Sportart, welche im erheblichen Widerspruch zu den Idealen des Arbeitersports stand: das Boxen. Die Zulassung dieser Kampfsportart, mit all ihren möglichen schweren gesundheitsschädlichen Folgen für die Athleten, blieb zwar innerhalb des AABD immer umstritten. Letztendlich behielten aber diejenigen "pragmatischen Kräfte" im Verband die Überhand, die auf die besondere "Werbekraft" des Boxens hinwiesen. Aus Rücksicht auf die Mitglieder, konnte man sich in Reihen des AABD nicht einmal zu einem Verbot des Niederschlages (k.o.) durchringen.

Doch auch in anderer Hinsicht gelang es den Arbeiterathletenvereinen nicht, den Idealen der Arbeitersportbewegung gerecht zu werden. So mußten beispielsweise der Elmshorner bzw. der Uetersener Arbeiterathletenverein, aufgrund der Tatsache, daß sie keine eigene Turnhalle besaßen, ihre Wettkämpfe in Bierlokalen austragen bzw. dort trainieren.

Dieses traf im übrigen auf die Hälfte aller Arbeiterathletenvereine zu.
Der immer wieder von der Arbeitersportbewegung propagierte Kampf gegen den Alkohol, hatte also bei den Arbeiterathleten schlechte Aussichten. Dafür sollte es ihnen in einem anderen Bereich umso besser gelingen, die Ideale des Arbeitersportes in die Praxis umzusetzen. Der AABD lehnte jegliche Kommerzialisierung des Kraftsportes, welche bei den bürgerlichen Vereinen bereits eingesetzt hatte, strikt ab.

Viktor Andersen, welcher in den zwanziger Jahren dem Uetersener Arbeiterathleten-Klub angehörte, berichtet hierzu:
"Das Preisringen war bei uns streng verpönt. Wer als Arbeiterathlet damals gegen Geld z. B. auf Jahrmärkten auftrat, der wurde sofort vom Verband ausgeschlossen."

Es wurden zwar bei den Veranstaltungen des AABD (z. B. auf einem 1931 vom Elmshorner Arbeiterathletenverein ausgerichteten "Kreisfest der Arbeiterathleten") auch "Preise" an die siegreichen Sportler vergeben. Diese durften jedoch, laut Verbandsbeschluß, nur aus Diplomen, Pokalen bzw. "Sachgütern" wie Sportkleidung oder Büchern bestehen. Geldprämien waren streng verboten. Trotz Mitgliederverlusten (infolge von Austritten bzw. Ausschlüssen), hielt der AABD in der Frage der Preisgelder an seiner ablehnenden Haltung fest.

Schließlich muß in diesem Zusammenhang auch noch erwähnt werden, daß zumindest die Elmshorner bzw. Uetersener Arbeiterathleten die Mahnung ihres Verbandes, sich ebenso politisch wie sportlich zu betätigen, beherzigt zu haben seinen. So traten Mitglieder des Elmshorner Vereins "Einigkeit" in den zwanziger Jahren bei Veranstaltungen der KPD (Maifeiern / "Proletarischen Unterhaltungsabenden") auf. Die Uetersener Arbeiterathleten wirkten u. a. bei Parteifesten der SPD bzw. bei Gewerkschaftsfesten mit. Die Tatsache, daß dem AABD also sowohl sozialdemokratische als auch kommunistische Mitglieder angehörten, führte letztendlich dazu, daß der Verband von der allgemeinen politischen Spaltung der Arbeitersportbewegung ebenfalls nicht verschont blieb. Im Fall des AABD erfolgte diese 1928/29. Zu diesem Zeitpunkt riefen die Kommunisten einen eigenen Verband ins Leben (den Arbeiter-Athletenbund-Opposition).

Dieser Organisation scheint sich aber z. B. der Elmshorner Verein "Einigkeit", trotz seiner vorherigen, offensichtlichen Präferenz für KPD, nicht angeschlossen zu haben. 1930 weist ihn die "Schleswig-Holsteinische Volkszeitung" ausdrücklich als einen "bundestreuen Verein" aus.

Selbst 1931 wurde noch in den "Mitteilungsblättern" der sozialdemokratischen FTSV für Veranstaltungen des Elmshorner Arbeiterathleten-Klubs geworben. Diese hätte man von seiten der FTSV wohl kaum getan, wenn der Verein dem "verhaßten Rotsport" beigetreten wäre. Dieser Widerspruch kann jedoch, aufgrund der äußerst schlechten Quellenlage für diesen Zeitraum, leider nicht geklärt werden.

Immerhin geben dafür die vorliegenden Quellen ein umso genaueres Bild über das Schicksal des Elmshorner Arbeiterathleten-Klubs im Jahre 1933. Die Machtergreifung der Nazis bedeutete auch für die Elmshorner Arbeiterathleten die Vernichtung ihres Vereins. Bereits im Mai 1933 wurde sämtliches Vereinseigentum des Elmshorner Arbeiterathletenvereins von der Polizei beschlagnahmt. Im Juli 1934 erfolgte dann die offizielle Löschung des "Arbeiterathleten-Klubs "Einigkeit" Elmshorn aus dem Vereinsregister.

Die Zerschlagung der Arbeiterathletenbewegung durch die Nazis beendete abrupt den Versuch einer umfassenden Reformierung des Kraftsportes. Gerade hierfür hatte sich der AABD in der Weimarer Republik besonders stark eingesetzt. Insgesamt bleibt wohl festzuhalten, daß der Verband in dieser Hinsicht eine durchaus erfolgreiche Arbeit zu leisten vermochte. Dem AABD gelang es, wie am Beispiel des Elmshorner und Uetersener Arbeiterathletenvereins deutlich wurde, eine "Sportkultur" zu entwickeln, die viele, wenngleich nicht alle Ideale des Arbeitersports widerspiegelte.


Quellen: Mathias Hörtnagel, Elmshorn

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© 2000,  Jens Gatzenmeier

 Stand: Oktober 2007